Margarete Stokowskis Fragezeichen

Margarete Stokowski hat eine Reihe an Fragen in ihrer Kolumne (Archiv) herausgegeben, die ich – ganz Gentleman – gerne beantworte.

Wie ist es möglich, in einer Zeit, in der wir täglich mit Verbrechen konfrontiert sind, die aus Hass entstanden sind, Zustände zu kritisieren, ohne selbst des Hasses verdächtigt zu werden?

Als Männerrechtler stelle ich mir regelmäßig diese Frage. Wie ist es möglich, dass, wenn ich kritisiere, dass man in Deutschland Jungs die Genitalien verstümmeln darf, ich als rechtsradikaler, frauenfeindlicher, homophober Islamophob bezeichnet werde?

Ist die Unterscheidung zwischen Wut und Hass etwas, was vielen Menschen fremd ist?

Ich denke, denn die Grenzen sind sehr fließend. Um einen signifikanten Unterschied dem geneigten Leser (und auch der geneigten Leserin) zu vermitteln: Wut bezieht sich auf ein temporäres Ereignis und klingt mit der Zeit ab, während Hass länger anhält.

Z.B. kann ich wütend auf mich sein, weil ich mich falsch verhalten habe. Dafür muss ich mich aber noch lange nicht hassen. Wenn ich dieses Verhalten aber trotz besseren Wissens immer wieder zeige (z.B. Faulheit), kann ich mich dafür hassen, bzw. dieses Charaktermerkmal an mir.

Ist Wut überhaupt etwas, was sich artikulieren lässt ohne wie ein Panzer zu klingen?

Ja, ich gebe da das Stichwort: Kalte Wut.

Wenn man einmal als wütend verstanden wurde, kann man beim nächsten Mal als entsetzt, traurig, verstört, beunruhigt, belustigt, gelangweilt verstanden werden? Oder auch mal nicht emotional? Fragend, zum Beispiel?

Ja, natürlich. Die Frage ist, ob dies Deine Intention ist und wie Du dies rüberbringst, damit der andere diese Intention versteht. Zu einem Missverständnis gehören immer zwei.

Kann man als wütend verstanden werden und zugleich als fragend, im selben Moment? Oder in dem direkt danach?

Ja (s.o.).

Wie ist es möglich, durch ein Megafon zu flüstern?

Das ist problemlos möglich, aber ob das Megafon jetzt eine Lautstärke von 100 dB 4x verstärkt oder von 5 dB. Es wird immer 4x verstärken. Wenn Du willst, dass das Megafon nicht verstärkt, schalte es aus und flüster dann dadurch.

Ist folgende Idee von Kritik vorstellbar? Wenn ich sage, ich will genau andersrum sein als dieser Typ, der mit einer Fackel im Hintern zu einer Fußballfeier ging und diese dann anzündete – genau andersrum, weil Pyrotechnik aus seinem Hintern zu holen und damit Menschen zu verletzen genau das Gegenteil von Kritik ist, wenn Kritik etwas ist, was das Licht der Öffentlichkeit versucht auf Stellen zu lenken, an denen gerade die Sonne nicht scheint? Etwas, das sich um die Geste schert, wenn sie Kunst ist, aber ansonsten eben nicht als Geste gedeutet werden will? Weil sie nichts aus dem Hintern holt, sondern auf etwas zeigt, meinetwegen mit beiden Händen?

Kritik ist ersteinmal sachneutral. Kritik ist nicht per se immer negativ. Es gibt durchaus auch positive Kritiken.

Kritik ist aber nicht das genaue Gegenteil von „Pyrotechnik aus dem Hintern holen und damit Menschen […] verletzen“. Denn wie man zum Beispiel an Anita Sarkeesian sehen kann, ist sie eine so genannte Popkulturkritikerin. Sie zieht sich auch regelmäßig, sinngemäß, Dinge aus dem Hintern und wird dafür gefeiert.
Diese Misrepräsentationen der Games (und ihrer Spieler) hat viele Leute extrem verletzt. Zumal sie so, ziemlich direkt, als transphob, homophob, Sexisten und was weiß ich sonst noch bezeichnet wurden.

Und sie hat damit nicht einmal das Licht der Öffentlichkeit auf  eine Stelle gelenkt, wo die Sonne nicht scheint.

Gibt es die Möglichkeit, Begriffe aus anderen Sprachen zu verwenden, ohne zu klingen wie eine klugscheißende Nervensäge oder wie ein ideologisch verblendeter Mensch, der alles mit einem Begriff erklären will?

Wenn Du ALLES mit einem Begriff erklären willst, dann musst Du davon ausgehen, dass Du ein ideologisch verblendeter Mensch bist. Vollkommen egal ob dies nun ein Fremdwort ist oder nicht (Patriarchat, Gott, Zionismus als Beispiele).

Es gibt natürlich Begriffe aus anderen Sprachen die viel griffiger sind (Sport im Vergleich zu Leibesertüchtigung z.B.) und mit ihrer Kürze mehr aussagen, als es in der eigenen Sprache möglich ist.

Jedoch stellt sich auch hier wieder die Frage, wie Du etwas rüberbringst, denn das kann entscheidend bei der Frage sein, ob Du als klugscheißende Nervensäge oder als kluger Mensch rüberkommst.

Wenn etwas, das ich sage, wie Hass klingt, an welcher Stelle zwischen den getippten und den wahrgenommenen Worten entsteht dieser Klang?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Manchmal sind es einzelne Worte, die diesen Klang vorgeben, manchmal die Aussage. Frag Dich mal selbst: Wann werden Facebookposts für dich fremdenfeindlich? Wann drücken sie Hass aus? Wann Hetze? An welcher Stelle werden diese für Dich Hass?

Ist es vielleicht die Stelle, wo alle über einen Kamm geschoren werden? Oder die Stelle, wo alle dieser Gruppen „in Sippenhaft“ genommen werden?

Ist es möglich, alltägliche Dinge zu kritisieren ohne unterstellt zu bekommen, dass man provozieren will?

Klar, wenn Du sie für Dich alleine im stillen Kämmerlein kritisierst oder gegenüber Leuten, wo Du weißt, dass sie Dir zustimmen.

Aber ist der Sinn von Kritik nicht eine gewisse Provokation? Möchtest Du nicht eine Änderung provozieren, möchtest Du nicht jemanden dazu herausfordern/provozieren sich oder das Kritisierte zu ändern?

Gibt es Menschen über fünf Jahre, die denken, dass Provokation an sich wertvoll ist?

Eine ganze Menge. Ich möchte Dir folgende Youtube Playlist der Oxford Union ans Herz legen. Dabei speziell die Videos von Brendan O’Neill und Shami Chakrabarti.

Provokation ist elementar wichtig um einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess in Gang zu setzen. Wären Homosexuelle heute in Deutschland nicht weitestgehend sicher, wenn sie nicht provoziert hätten? Hätte es eine Reformation des Christentums gegeben, wenn Martin Luther nicht provoziert hätte?

Ist es möglich, solche Fragen zu stellen ohne dass sie wie rhetorische Fragen klingen?

Wie etwas klingt liegt im Regelfall beim Sender, der Empfänger interpretiert.

Ist Hetze so alltäglich geworden, dass sie Kritik geschluckt hat?

Ich befürchte ja. Einen großen Anteil daran haben Menschen, die jede Form der Kritik an – zum Beispiel dem Islam – als islamophob und rassistisch verschrien haben. Auch Kritik am Feminismus, bzw. eines Teiles seiner Akteure wird immer wieder als Hetze ausgelegt.

„Musste“ Jo Cox sterben, was ist das für ein „müssen“, was für ein Bild von Unausweichlichkeit wird da gezeichnet?

Ich weiß, dass es nicht das ist was Du meinst, aber das ist das einzige, was absolut sicher ist. Sterben müssen wir alle mal.

Allerdings bezieht sich Deine Frage vermutlich eher auf „Musste Jo Cox sterben?“ wobei dies hier rhetorisch zu verstehen ist. Bei der Frage „Warum musste Jo Cox sterben?“ ist eher gemeint, „Warum meinte der Attentäter, dass Jo Cox sterben musste?“.

Gibt es eine Variante der Ernsthaftigkeit, die radikal ist, ohne als wahnsinnig wahrgenommen zu werden?

Ernsthaftigkeit kann nicht radikal sein. Radikale Standpunkte können ernsthaft vertreten werden, jeder Mensch kann ernsthaft radikal sein.

Du wirst aber, egal wie ernsthaft du einen Standpunkt vertrittst und egal wie wenig wahnsinnig die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft dies für nicht wahnsinnig betrachtet, immer jemanden finden, der das als wahnsinnig bezeichnet.

Ist Selbstgerechtigkeit der Grundton, der ab einer bestimmten Reichweite immer mitschwingt?

Nein. Nur bei Leuten, die sich der Kritik an ihnen und ihren Tätigkeiten nicht stellen und ihre Handlungen nicht reflektieren.

Fühlen sich Menschen schneller verachtet in einer Zeit, in der Sicherheiten verloren gehen und ist dieses Gefühl der Versuch sich vermeintlicher Fronten sicher zu werden?

Ich wüsste nicht ob das Gefühl verachtet zu werden korreliert mit Zeiten in denen Sicherheit verloren geht. Es sei denn natürlich Sicherheiten gehen für Dich verloren, weil Du verachtet wirst wie es zum Beispiel bei der jüdischen Bevölkerung in Deutschland während des Holocausts der Fall war.

Wenn Du Dich aber verachtet fühlst, dann wirst Du Dich automatisch fragen, von wem Du verachtet wirst und warum und was Du tun kannst. Letztendlich bleiben Dir ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder im Ansehen der Verachtenden Person/Gruppe zu steigen durch Leistungen, die diese Person/Gruppe wertschätzt – oder halt eben Fronten zu ziehen und diese Person/Gruppe zu bekämpfen.

Nehmen wir mal wieder einige Feministinnen zur Hand. Diese glauben, dass unsere „patriarchale, kapitalistische Gesellschaft“ Frauen verachtet und unterdrückt. Als Grund führen sie oftmals ihr Frausein an. Und sie haben sich entschieden, dieses Patriarchat zu zerschlagen.

Warum fühlen sich Menschen, die das Konzept der „Microaggression“ ablehnen oder lachhaft finden, von bestimmten Begriffen selbst so schnell angegriffen?

Im Rahmen meiner immerfortwährenden Reflexion meiner selbst ist mir aufgefallen, dass ich mich besonders angegriffen fühle, wenn jemand mir sagt: „Aber du bist ja ein heterosexueller, weißer CIS-Mann aus Deutschland, du bist so privilegiert, du kannst da nicht mitreden.“ Damit wird meine Meinung, meine Erfahrung heruntergebuttert, weil ich heterosexuell bin (diese scheiß heterophoben Flachpfeifen), weiß bin (diese Rassistenschweine), CIS bin (diese cisphoben Dummschwätzer) und ein Mann bin (diese sexistischen Kackbratzen). Eine Meinung ist aber meiner Meinung nach nicht mehr oder weniger wert, nur weil ich das „passende“ Geschlecht oder die „passende“ Rasse habe. Ich fühle mich dann auf Grund meiner Rasse, meines Geschlechtes usw. herabgesetzt – verachtet.

Microaggressions sind aber ein ganz anderes Kaliber. Da geht es um fragen wie „Wo kommst Du her?“ oder ein überraschtes „Du kannst aber gut Deutsch sprechen.“zu einem Menschen mit Migrationshintergrund. Hier geht es um Aussagen, in denen zwar durchaus Bemerkt wird, dass jemand anders ist, dies aber nicht herabwürdigt.

Ist es schon Provokation, das zu fragen?

Nein. Wäre die Gegenfrage: „Hast Du Dich jemals gefragt, ob Microaggressions (μ-aggressions) im Vergleich zu dem, wovon sich die anderen beleidigt fühlen nicht wirklich nur 0,000001fache Aggressionen sind?“ Provokation?

Ist es Allgemeinwissen, dass es verschiedene Konzepte von Männlichkeit innerhalb einer Gesellschaft geben kann?

Ja. Es ist die Frage, welche Du als für Dich „richtig“ erachtest.

Ist das eine Zumutung, weil es so weit weg von den Selbstbildern ist oder eine Zumutung weil es doch so offensichtlich ist?

Was ist eine Zumutung? Verschiedene Konzepte von Männlichkeit? Eine Zumutung wird das erst, wenn andere von dir erwarten ein bestimmtes Konzept einzunehmen und du das nicht möchtest. Wenn man dir etwas aufzwingt, was du nicht willst. Zum Beispiel wenn du als Mann gerne Beschützer und Versorger spielst und eher nicht so gerne den Haushalt machst (also dieses klassische Rollenmodell vertrittst) und irgendwelche Leute mit Einfluss in Politik und Medien lauthals verlangen, dass du doch gefälligst 50% des Haushaltes zu machen hast.

Oder der genau umgekehrte Fall: Du machst gerne den Haushalt und bist gerne zu Hause und hast gar nicht so die Lust jeden Tag acht Stunden zu arbeiten und andere erwarten von dir, dass du für deine Familie versorgst.

Oder wenn dir ständig Leute vorhalten, dass du ein potenzieller Gewalttäter bist, weil du ein Mann bist, dies aber überhaupt nicht der Fall ist, weil du einer der friedfertigsten Menschen bist. Wenn dir also Leute ein Konzept von gewalttätiger Männlichkeit überstülpen (bzw. dich mitverantworlich machen) wollen, weil sie dem Problem selektiver Wahrnehmung zum Opfer gefallen sind, dann ist auch das eine Zumutung. Vor allem wenn du ein sehr friedfertiger Mensch bist (was körperliche Auseinandersetzungen angeht).

Ist Respekt etwas, was nicht mehr vorausgesetzt wird?

Leider nein. Wenngleich ich mich gerne mit Dir über Deinen Begriff von Respekt unterhalten würde. Es scheint nämlich mittlerweile sehr unterschiedliche Ansichten davon zu geben, was Respekt ist.

Gab es das mal, dass das ein Grundwert war?

Allumfassend? Meines Wissens nach nicht. Aber ich glaube das ist auch eher eine geschichts-philosophische Frage.

Muss man jedes Mal einzeln sagen, wen man respektiert, auch wenn es alle sind?

Nein. Muss man nicht. Es sei denn natürlich man sagt nur, dass man alle respektiert, aber die Handlungen deuten in eine andere Richtung.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Margarete Stokowskis Fragezeichen

  1. Pingback: Müssen Männer vor Frauen die Straßenseite wechseln? « jungs & mädchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s