Tropes vs. Reality: Weil ein #aufschrei nicht reicht – Der Einband

Zusammen mit einigen Weltraumaffen und speziell Solanum habe ich mich entschlossen eine „In Depth Analysis“ und Interpretation von Anne Wizoreks Buch „Weil ein #aufschrei nicht reicht“ (1) zu machen. Dieses Projekt ist etwas eingeschlafen, u.A. weil wir dies als Videoformat machen wollten und das… doof ist.

Die in dieser Videoreihe angesprochene Kritik sollte also ein Sammelsurium unterschiedlicher Meinungen und Interpretationen darstellen, wobei sich, bei der Besprechung der Einleitung und des ersten Kapitels herausgestellt hat, dass wir doch in ähnlichen Bahnen denken und sich die Unterschiede in der Denkweise eher in einer erweiterten Analyse, denn in vollkommen unterschiedlicher Interpretation geäußert hat.

Nun möchte ich diese Reihe in Blogform wieder aufleben lassen und gelegentlich ein Kapitel des Buches vorstellen und besprechen.
Dieser erste Beitrag der Reihe Tropes vs. Reality ist jedoch von mir allein verfasst und befasst sich lediglich mit Cover, Klappentext, Buchrücken und Autorennotiz. Also in Kurzform: Dem Einband, denn dieser soll dem potenziellen Leser (2) ja vermitteln, was er von diesem Buch zu erwarten hat. Daher gehe ich hier auch speziell auf Form und Gestaltung ein, was in späteren Beiträgen (allein des Umfanges wegen) nicht mehr erfolgen wird.

Zuerst das Cover:

Standartmäßig werden hier die Autorin und der Verlag genannt, dazu in Schwarz „weil ein #Aufschrei nicht reicht“ und in Rot als Untertitel „für einen Feminismus von Heute“. Wobei beides vor dem Hintergrund eines grünlichen Hashtag-Zeichens auf weißem Grund zu sehen ist.

Hiervon lassen sich meiner Ansicht nach zwei Dinge ableiten.
1.: Es handelt sich um ein Werk, das veraltete Punkte des Feminismus (also überwundene Probleme; Fehler in feministischer Annahme etc.) benennt und somit den heutigen Feminismus von diesem Ballast befreit. Und zudem auch neue Probleme benennt, die so früher noch kein Thema des Feminismus waren.
2.: Da das Wort #Aufschrei so hervorgehoben ist, können wir auch emotionale Sprache und einen Versuch emotionaler Bindung erwarten. Wer sich also ein reines Faktenwerk wünscht, sollte auf der Hut sein.

Kommen wir zum Buchrücken:

Sofort sticht ins Auge, dass der Buchrücken sehr schlicht gehalten ist und abgesehen von Textformation (Schriftgröße, Farbe, Großschreibung ganzer Wörter) es keinerlei Verzierungen gibt. Der Text erscheint durchgängig auf weißem Grund. Es beginnt mit einem in Rot und durchweg großgeschriebenen FEMINISMUS? Gefolgt von (in schwarz) FUCK YEAH! Dies soll vermutlich die Kurzform von „Ist Feminismus wirklich noch notwendig?“ „Aber selbstverständlich!“ sein. Was die Frage aufwirft, wen Frau Wizorek mit diesem Buch ansprechen möchte. Kinder? Jugendliche? Erwachsene? Die Art und Weise der Formulierung, inklusive der Sprachwahl, lassen auf ein eher jüngeres Zielpublikum schließen.

Es folgt ein kurzer Text worum es im Feminismus geht. Nicht um die Frauenfrage, nicht um Frauen gegen Männer, sondern um: Sich eine bessere Gesellschaft wünschen, Diskriminierung abschaffen und Status Quo in den Arsch treten.

Wir können hier allerdings nur hoffen, dass „eine bessere Gesellschaft“ definiert wird, bzw. die Teilziele benannt werden, damit dies auch erreichbar ist. Was dann allerdings die Frage aufwirft: Wenn diese bessere Gesellschaft erreicht ist, ist sie dann nicht der Status Quo? Wenn wir Diskriminierung abgeschafft haben, ist das dann nicht der Status Quo? Wir werden es hoffentlich im Buch erfahren.

Es folgt ein kurzer Abschnitt über den #aufschrei (1, 2, 3, 4). Die eine „breite Diskussion um sexualisierte Gewalt und Diskriminierung in unserer Gesellschaft“ ausgelöst hat und gezeigt hat/haben soll, „dass wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind“.

Hier werden gleich zwei Schlagwörter eingeführt. Zum einen sexualisierte Gewalt. Dieser Begriff ist nicht zu verwechseln mit sexueller Gewalt. Laut der Dipl.-Psych. Dr. Angelika Treibel: „„Sexuelle Gewalt“ umfasst jede Form sexueller Grenzverletzung als Verstoß gegen das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung und die Unversehrtheit der eigenen sexuellen Grenzen.“ Diese Gewalt ist sowohl ein wissenschaftlicher als auch ein juristischer Begriff und stellt eine Strafbare Handlung dar. Wohingegen sexualisierte Gewalt dieses zwar einschließt, aber über diese Dinge hinausgeht und auch Dinge wie frauenfeindliche Sprache, Anmache, unerwünschte Einladungen/Briefe, anzügliche Witze, diskriminierende Werbung usw. einschließt . Die DPSG schreibt in ihrer Arbeitshilfe „Aktiv gegen sexualisierte Gewalt – Prävention und Interaktion in der DPSG“: „Eine Grenzverletzung ist ein unangemessenes Verhalten und nach dem Strafgesetzbuch (StGB) keine Straftat. Nicht jede Grenzverletzung ist sexuell motiviert oder wird bewusst durchgeführt.
Eine Grenzverletzung ist aber auch Teil der sexualisierten Gewalt (in Abgrenzung zur sexuellen Grenzverletzung bei sexueller Gewalt). Das heißt mit anderen Worten: Wir haben in beiden Publikationen Inhalte zur „sexualisierten Gewalt“, die entweder nichts mit Sex oder sexueller Integrität zu tun haben und/oder mit Gewalt.

 

Das zweite Schlagwort (oder Buzzword) ist Geschlechtergerechtigkeit. So zeigt Irene Pimminger in ihrer Ausarbeitung zum Thema Geschlechtergerechtigkeit auf, dass Gerechtigkeit ein… dehnbarer… Begriff ist. Gerechtigkeit könnte bedeuten, dass das Ergebnis gleich ist (z.B. 50/50 Aufteilungen der Geschlechter in jedem Arbeitsumfeld) oder auch, dass die Grundlagen für alle gleich sind (Chancen- und Wahlfreiheit; bei offenem Ergebnis).
Geht man aber etwas tiefer, so stößt man unweigerlich auf das BMFSFJ.
Das Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellt dar, dass Geschlechtergerechtigkeit bzw. Gendermainstreaming als Leitbild bedeutet, „bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Auswirkungen auf die Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern grundsätzlich und systematisch zu berücksichtigen. […] Gender Mainstreaming bedeutet also, zu berücksichtigen, dass eine Entscheidung für Frauen und Männer verschiedene Auswirkungen haben kann. Das soll auf allen Entscheidungsebenen geschehen. Deshalb heißt es Mainstreaming. Das Ziel ist die Gleichstellung, also die praktische Verwirklichung der formal gleichen Rechte von Frauen und Männern.
Die Aufgabe scheint also zu sein, bei unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen der Geschlechter, Chancen- und Wahlfreiheit zu erhalten und dennoch das gleiche Ergebnis für beide zu erzielen.
Ich hoffe, dass diese sehr spannende Anforderung und dieses hehre Ziel in diesem Buch gut besprochen werden.

 

Es folgt (in Rot geschrieben) die Aussage, dass Frau Wizorek, die aktuelle Stimme des Feminismus ist. Dies spricht in meinen Augen nicht gerade für den Feminismus, wenn man sich solch linguistische Entgleisungen wie „Feminismus? Fuck Yeah!“ Und „Dem Status Quo in den Arsch treten“ anschaut. Aber sei es drum. Wie gesagt, vermutlich ist ein jüngeres Publikum angesprochen, was allerdings die Frage aufwerfen würde, ob Feminismus etwas für Erwachsene ist.

 

Da wir gerade von Frau Wizorek sprechen, gehen wir direkt über zur Autorennotiz. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Frau Wizorek 33 Jahre alt und wird als Protagonistin des modernen Feminismus, als netzaktiv, international und erfrischend direkt beschrieben. Wobei man bei dieser Wertung geteilter Meinung sein kann. Wozu ich jedoch ausdrücklich Stellung beziehen möchte ist „Sie ist Initiatorin des Hashtags #aufschrei“. Dieser wird auch – mit einem Sprung zum Klappentext – in selbigem erwähnt: „Mit dem Twitter-Hashtag #aufschrei löst Anne Wizorek […]“. Hiermit wird ganz eindeutig impliziert, dass sie DIE Initiatorin ist, tatsächlich aber ist sie nur eine der Initiatorinnen. So gehört Jashna Lisha Strick ebenso mit dazu wie Nicole von Horst und Anna-Katharina Meßner. (1, 2)
Zum Klappentext. Dieser ist auch wieder schlicht gehalten und die einzigen irgendwie gearteten Hervorhebungen sind das in Rot geschriebene „#aufschrei“ und „Geschlechtergerechtigkeit für alle!“.
Eine interessante Aussage ist folgende: „Geschlechtergerechtigkeit ist weiterhin eine Utopie“.
Eine Utopie bezeichnet ein Ideal ohne Grundlage, das wirklichkeitsfern ist, nicht zu erreichen ist oder schlichtweg ein Wunschbild ist (1,2,3). Dies ist insofern interessant, da ja Geschlechtergerechtigkeit grob vereinfacht bedeutet: Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen (individuellen?) Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern, bei gleichen Chancen und Wahlmöglichkeiten das gleiche Ergebnis zu erzielen.

Das klingt für mich sehr utopisch, aber wir haben ja noch das ganze Buch vor uns, indem dies in ein realistischeres Bild gerückt werden kann.

 

Es folgt eine kurze Einführung die als Zitat gekennzeichnet ist. Im Kontext des Buches steht zu vermuten, dass es von Frau Wizorek stammt.
Darin gibt es einige Punkte die ich kurz ansprechen möchte. Sie spricht über die „immer wieder auftauchende Abwertung als Mädchen“ als sie schon längst erwachsen war. Nein! „Führerschein und Wahlberechtigung besaß“. Zum einen möchte ich anmerken, dass „You go girl“ und „Girlpower“ (Girl englisch = Mädchen) feministische Begriffe sind und die Mädchenmannschaft ein feministischer Blog bzw. ein feministischer Verein ist. Somit kann „Mädchen“ sehr wohl auch in positiverer Form benutzt werden. Hier geht es aber um die abwertende Verwendung des Begriffes. Dazu sei angemerkt, dass junge Männer, die sich kindisch und ungebührlich Verhalten oftmals als Junge (Boa, Junge…) oder als (Scheiß-)Kerl bezeichnet werden. Ohne die genaueren Umstände zu kennen, in denen Frau Wizorek abwertend als Mädchen bezeichnet wurde lässt sich also postulieren, – gerade in Bezug auf ihre bisher hier gezeigte Ausdrucksweise – dass sie sich kindisch benommen hat. Dies ist aber natürlich spekulativ.

 

Im Folgenden spricht Frau Wizorek über sexuelle Belästigungen eines Professors, die von den männlichen Studenten als Vorteil für Frau Wizorek und Nachteil für sich selbst (also die männlichen Studenten) empfunden wurde. Natürlich bewegen wir uns auch hier im Bereich der Spekulation. Ob es sich tatsächlich um sexuelle Belästigungen handelte sei dahingestellt. Denn zum einen kennen wir die tatsächlichen Handlungen nicht, zum anderen wissen wir nicht wieviel die männlichen Studenten mitbekommen haben (die schwirrten ja nicht 100% der Zeit um Frau Wizorek herum) bzw. wieviel Frau Wizorek diesen erzählt hat. Wir haben hier also ein Wahrnehmungsproblem und auch ein Kommunikationsproblem. Entweder auf Seiten von Frau Wizorek oder auf Seiten ihrer Kommilitonen. Wobei Frau Wizorek natürlich hätte klarstellen können, was sie erlebte. Es scheint so, als hätten die Kommilitonen die „sexuelle Belästigung“, die Frau Wizorek erlebte, eher als eine Art sexuelles Interesse des Professors empfunden. Und dies wäre dann sehr wohl ein Vorteil.

 

Das Zitat schließt mit „Für eine Welt, in der Mädchen und Frauen mehr zugetraut wird als Schminken und Schuhkauf. Für eine Welt, in der Jungen und Männer Gefühle zeigen können, die über Fußballjubel hinausgehen.
Ich denke nicht, dass ich hier über die oberflächliche, stereotypische, unreflektierte und undifferenzierte Wahrnehmung der Welt, die uns Frau Wizorek hier präsentiert eingehen muss. Ich erwarte jedoch eine Besserung.


(1) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2014; Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von Heute

(2) Hier wird das generische Maskulinum verwendet, denn es dient dazu alle Menschen zu inkludieren, wobei die gegenderte Schreib-, Sprech- und Leseweise entweder Leute exkludiert (Transgender bei Binnen-i) oder Sprach- und Lesevergnügen unnötig verkompliziert (zum Beispiel der Gender_innen-Gap).

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6 Gedanken zu “Tropes vs. Reality: Weil ein #aufschrei nicht reicht – Der Einband

  1. Danke für diese Betrachtung. Ich hatte zu diesem Buch seinerzeit die aktuelle Bewertungs-Krise (Werben&Verkaufen: „Anne Wizorek bettelt um positive Rezensionen“) live miterlebt und das Ganze mal hier zusammengefasst:

    https://emannzer.wordpress.com/2014/10/07/aufkreisch-chronolgie-eines-desasters/

    Soweit als Ergänzung zu deinem guten Artikel. Diesen plakativen Hashtag auf dem Buchcover hatte ich übrigens fast als das verbotene NS-Symbol assoziiert; zumindest im Kontext des Wizorekschen Absolutismusanspruch verhafteten.

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    • Ich hatte darüber auch nachgedacht, aber Symbole gehören zu unserem Alltag dazu. Wie zum Beispiel das Kreuz bei den Christen, der Halbmond im Islam, der Davidsstern im Judentum. Das Anarcheizeichen für Anarchisten, Das Hakenkreuz für Nazis usw. …

      Zeichen setzen und Symbole sind halt einfach sehr normal, weshalb ich darauf nicht eingegangen bin. Zumal ein NS-Vergleich nicht unbedingt einer Diskussion förderlich ist.

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      • „Zumal ein NS-Vergleich nicht unbedingt einer Diskussion förderlich ist.“

        Damit hast du unbedingt recht und es war lediglich meine erste Assoziation beim Betrachten des Buchcovers. Keine Ahnung warum, es ist aber so gewesen.

        OT: Deine Gedanken zu Symbolen sind interessant. Man könnte es letztendlich auch auf das produzierende Gewerbe und seine Logos ausdehnen.

        Nur als Beispiel: Ein angebissener Apfel und seine Jüngerschar.

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      • Stimmt. Auch da findet sich so etwas wieder. Logos haben halt einen wiedererkennungswert.

        Das Hashtagzeichen ist ja imprinzip genau dafür gedacht: # lässt alle Tweets zu diesem Thema finden.

        Somit ist das #-Zeichen nicht einmal so limitiert wie normale Symbole. Es zeigt lediglich eine Art Funktion an.

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  2. Pingback: #aufkreisch: Chronologie eines Desasters | emannzer

  3. Pingback: Tropes vs. Reality: Weil ein Aufschrei nicht reicht – Die Einleitung | stapelchipsblog

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