Tropes vs. Reality: Weil ein Aufschrei nicht reicht – Die Einleitung

Begeben wir uns nun in die eigentliche Materie von Tropes vs. Reality. In diesem Video gibt es einen kurzen Überblick über die Form des Buches und wir (d.h. die Weltraumaffen und ich) besprechen die Einleitung. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, dass wir – gemessen an Buchrücken und Cover  – eine emotional ansprechende Sprache erwarten müssen. Dieses Buch verspricht uns aber auch einen modernen/neuen Feminismus, also gewissermaßen eine Neuordnung der Problemfelder, weshalb wir hier auf der Hut sein müssen um Sachliches vom Emotionalen zu trennen. Was sich gut und richtig anhört, kann auch rundheraus falsch sein, oder sogar, bei näherer Betrachtung, moralisch verwerflich. Hierbei erinnere ich als Beispiel einfach einmal an den Unterschied zwischen sexueller Gewalt und sexualisierter Gewalt. Wobei letzteres auch Dinge wie anzügliche Witze, ungewollte Anmache, diskriminierende Werbung und ähnliches miteinschließt. Dinge, die Teilweise nicht einmal etwas mit etwas Sexuellem und/oder Gewalt zu tun haben. Hierbei wird die Bedeutung von sexueller Gewalt durch das sehr ähnlich klingende sexualisierte Gewalt sehr stark verwässert, bzw. eigentlich wenig beachtenswerte Vorfälle wie anzügliche Witze in den Status von Gewalt erhoben.

Doch so viel zum Vorwort meinerseits zu diesem Video. Beginnen wir mit der Besprechung von Anne Wizoreks „Weil ein #aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von Heute“.

Das Buch ist grob in drei Teile unterteilt. Die Einleitung unter dem bereits bekannten Motto „Feminismus? Fuck yeah! – Ein Bekenntnis“, dann „Teil I – Don’t call it a comeback! Eine feminisische Agenda für jetzt“ mit sieben Kapiteln und „Teil II – Wir sind viele, ein Rekrutierungsversuch“ mit weiteren sieben Kapiteln. Hierbei möchte ich Kapitel 13 „Mitmachen für Männer. Was es heißt ein guter Verbündeter zu sein“, weil dieser Titel allein im ersten Kapitel schon Relevanz bekommt.

Jedes der 14 Kapitel ist noch einmal, zur thematischen Abgrenzung, in Unterkapitel unterteilt. Naturgemäß überlappen sich die einzelnen Themen die in einem solch breiten Feld abgedeckt werden müssen, weshalb dieser Versuch der Sortierung durchaus nicht unsinnig ist. Wie gut die Umsetzung erfolgt ist jedoch abzuwarten.

Es folgt eine Danksagung, ein Glossar und Anmerkungen (die sich aus tatsächlichen Anmerkungen und Quellenangaben zusammen setzen).

Eine schöne Geste ist übrigens die Widmung „Für Papa & Mama“ (S.4).

Doch nun – endlich – zur Einleitung, zum Bekenntnis. Sie bekennt nämlich, dass es ihr nicht leicht fällt „für bedrucktes Papier zu schreiben“ (S.7). Zum einen weil man Texte visuell besser unterstützen, das Geschriebene durch Kommentare und Anmerkungen erläutern und einfacher Quellenangaben machen kann. Bei diesen (also den Quellenangaben) fällt auf, dass erstaunlich viele Links verwendet werden. Dies ist ungewöhnlich für ein Buch, da es sich bei Internet und Buch um sehr unterschiedliche Medien handelt, entbehrt aber, im Rahmen ihres Netzfeminismus, nicht einer gewissen Logik. Dies versetzt uns hier auch in die wundervolle Lage, viele dieser Links selbst auszuprobieren und die Quellen auch in diesen Videos sichtbar zu machen. Besonders interessant werden bestimmt die Twitterlinks werden, die geschätzt 1/5 aller 427 Anmerkungen/Quellen ausmachen.

Ich kann nachvollziehen, dass diese Schreibart ungewohnt ist und daher schwerfällt. Es ist noch nie ein Meister vom Himmel gefallen. Im Anbetracht der Tatsache, dass sie Neue deutsche Literatur und Allgemeine vergleichende Literaturwissenschaften studierte (wenn auch nicht abschloss), ist dies jedoch sowohl im fachlichen Sinne ein Armutszeugnis, als auch, dass sie in dieser Zeit unter Garantie „für bedrucktes Papier“ schreiben musste und durchaus ohne Kommentare und spätere Anmerkungen schriftlich argumentieren und sich präzise ausdrücken musste. Auch lässt mich die auffällig viele Verwendung von Twitterlinks an der fachlichen Kompetenz zweifeln.

Nun ja, vielleicht ist sie auch nur aus der Übung geraten – oder dies war der (wirkliche) Grund warum sie das Studium nicht abschloss.

Zudem macht sie noch eine Fußnote, warum sie den Gender Gap bei „Leser_innen“ benutzte. Es ist derselbe Grund warum ich das generische Maskulinum verwende. Es ist inklusiv.

Anschließend beschreibt sie kurz, dass sie durch das Internet lernte, dass das wofür sie steht feministisch ist.

Anschließend kommt sie zu dem Grund warum sie, trotz Eingeständnis ihrer Unerfahrenheit in diesem Bereich ein Buch schreibt. Es haben sie wohl immer wieder Menschen gefragt, worum es im Feminismus überhaupt geht, wo sie anfangen sollen, wenn sie sich für Feminismus interessieren. Da war dann wohl „stets der Wunsch da, einfach ein Buch hinter dem Rücken hervorzuzaubern und zu sagen: ,Genau hier!‘ “ (S.8). Sie führt weiter aus, dass dies „natürlich“ ihr „ganz eigener und aktueller Blick“ ist und viele Themen „nicht immer in der Ausführlichkeit besprochen werden, die ihnen gebührt, aber dieses Buch soll als Einstieg dienen in eine Welt […] Die wunderbare Welt des Feminismus.

Wir können hier, gepaart mit dem Untertitel des Buches „Für einen Feminismus von Heute“ also definitiv sagen, dass Frau Wizorek ein Grundlagenbuch zu schreiben gedachte. Dass wir hier grundlegende Annahmen des Feminismus erwarten können aber auch Basiswissen. Denn was nutzen Annahmen ohne Fakten die diese stützen? Jedoch müssen wir hier eine Einschränkung machen. Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Grundlagenwerk. Es handelt sich nicht zwangsläufig um ein faktengebundenes Grundlagenwerk, sondern um ein Grundlagenwerk aus einer persönlichen möglicherweise faktenbasierten, möglicherweise teilweise faktenbasierten Sichtweise eines Individuums, nämlich von Frau Wizorek. An dieser Stelle müssten wir also schon „Für einen Feminismus von Heute“ in „Für einen Feminismus von Anne Wizorek“ umändern und anprangern, dass der Untertitel irreführend ist. Es sei denn natürlich, dass sie ihren Feminismus als einzig wahren bezeichnet und jegliche Abweichung davon als, nun ja, veraltet, nicht-feministisch bzw. nicht den richtigen Feminismus.

Recht bezeichnend, meiner Ansicht nach, ist der folgende Absatz, in dem sie beschreibt, dass sie über Blogs wie Feministing.com und amerikanische Aktivistinnen wie Jaclyn Friedman und Jessica Valenti (beides Autorinnen dieses Blogs) gelernt hat was Feminismus ist und dass dieser ihre Wünsche wiederspiegelt. „Dank ihnen entdeckte ich meine Leidenschaft für Geschlechtergerechtigkeit.

Nun ist Jessica Valenti für dieses Bild berühmt berüchtigt. Ich bade in Männertränen. Ob dies wirklich als Gerechtigkeit verstanden werden kann sei dahingestellt. Zudem möchte ich darauf aufmerksam machen, dass sie auf die Frage:
„Wie überzeuge ich meinen Vater/meinen Freund/meinen Ehemann, dass Feminismus noch immer wichtig ist? Normalerweise sind das nette Menschen die Ungerechtigkeiten in der Welt sehen.“
„Sei Dir gewiss, dass Du nicht gegen eine Wand sprichst, dass sie dich nicht nur aufziehen wollen. Diese Leute gibt’s im Leben jeder Feministin. Interagiere nicht mit diesen Personen, sie sind wie Real-Life Trolle. Distanziere Dich von diesen“.

Was natürlich bei Ehemann, Vater, Bruder, Freund… die allesamt scheinbar gute Leute sind, ein äußerst fragwürdiger Ratschlag ist. Ein Ratschlag den man eher in einem Kult oder einer Sekte erwarten würde. Zudem sprach sie sich dafür aus, die Gehälter von Männern zu kürzen und die dafür von Frauen zu erhöhen. Also bewusst ungleich zu bezahlen. Ob dies Gerechtigkeit ist? Ich denke der geneigte Zuschauer wird mir darin zustimmen, dass dem nicht so ist. Wenn Jessica Valenti Frau Wizoreks Interesse für „Geschlechtergerechtigkeit“ weckte, können wir uns auf massives Unrecht einstellen.

Doch zurück zu den letzten beiden Absätzen der Einleitung. Für Frau Wizorek „ist feministisches Engagement daher bereits aus eigener Erfahrung nicht zwingend mit der Kenntnis sämtlicher Theoriewerke verbunden.“ Sie möchte daher einen Einblick liefern, was Feminismus bedeutet, warum er wichtig ist/gebraucht wird und wie vielfältig die Möglichkeiten zur Veränderung für jeden von uns sind.

Als wir von den Weltraumaffen über diese Passage sprachen, gerade den ersten Teil, waren wir uns darin einig, dass Frau Wizorek scheinbar wohl nicht einmal, die feministische Theorie versteht und dass dies im direkten Wiederspruch zum 12 Zeilen darüber angepriesenen Grundlagenwerk steht. Allerdings muss ich hier, wo ich jetzt diesen Blog schreibe eingestehen, dass dies nicht das ist was Frau Wizorek sagt. Sie trifft nämlich keine Aussage darüber, ob sie diese JETZT kennt, sondern nur das man es nicht für das feministische Engagement braucht. Zudem spricht sie von sämtlichem Theoriewerk. Nicht explizit vom feministischen. Dies müssen wir allerdings im Kontext dieses Buches und des bisher gesagten postulieren. Dennoch, selbst, wenn wir von feministischem Theoriewerk ausgehen, brauche ich nicht „sämtliches“ für feministisches Engagement. Es gibt ja unterschiedliche Bereiche in denen sich Feminismus engagiert.

Es gibt unterschiedliche Bereiche, unterschiedliche Lösungsansätze, unterschiedliches Theoriewerk – und diese sind nicht alle feministisch. Es gibt auch Lösungsansätze außerhalb des Feminismus. Und es gibt unterschiedliche Lösungsansätze im Feminismus. Es gibt Feministen die Prostitution verbieten wollen und welche die es (überall) legalisieren wollen. Man muss aber weder Feminist sein um diese Positionen zu haben, noch um sich in einem bestimmten Bereich mit Feministen an eine Seite zu stellen. Die Sache ist: Es gibt ein Problem, es gibt Lösungsansätze (feministische und nichtfeministische). Feminismus als solcher ist dafür vollkommen irrelevant. Wenn ich ein Problem beheben will, dann suche ich nach dem für mich am erfolgversprechendsten Lösungsansatz. Dies ist etwas was jeder tun sollte. Dafür bedarf es keinen Feminismus. Er wird daher nicht „dringend gebraucht“ und die „vielfältigen Möglichkeiten zur Veränderung“ die der Feminismus bietet sind demnach auch nicht für jeden von uns.

Sie schließt die Einleitung damit ab, dass sie zeigen möchte, „dass die Frage „Wo anfangen?“ manchmal weniger wichtig ist als das Anfangen selbst.“

Schön gesagt aber meistens ist die Frage „Wo anfangen?“ schon der Anfang, denn du fragst dich, wie du geplant vorgehen kannst. In diesem Sinne. Bis zum nächsten Mal.


Tropes vs. Reality: Weil ein #aufschrei nicht reicht – Der Einband

 

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