Gina Lisa Lohfink

Ich komme leider nicht drumherum heute auch was über Gina Lisa Lohfink zu schreiben. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, dass nicht zu tun, aber ich stoße heute immer wieder darauf. Selbst auf der Arbeit war das Thema.

Was gibt es also dazu zu sagen? Ich kenne die Beweise genausowenig, wie die meisten anderen Kommentatoren.

Wir alle können nur mutmaßen, was denn nun wirklich in diesen Videos zu sehen war. Wir alle können „bestenfalls“ auf ca. 2:30 min Filmschnipsel zurückgreifen, die temporär online zu finden waren (und es bestimmt auch noch irgendwo online gibt).

Und ja, ich habe diesen Schnipsel gesehen und ja, der wirkt als würde da eine Vergewaltigung von statten gehen. Z.B. gibt es dort eine Szene wo einer der Männer ihr den Penis in den Mund schieben will, sie den Kopf wegdreht und nein sagt. Es folgt ein Schnitt und sein Penis ist in ihrem Mund. Wichtig ist der Schnitt. Ich habe genausowenig Ahnung wie jeder andere nicht direkt am Prozess Beteiligte, was dazwischen gelaufen ist. Wo ich gerade darüber nachdenke, weiß ich nicht mal mehr ob es sogar der selbe Mann war. Ich denke aber das es der selbe war.

Als ich diesen Zusammenschnitt gesehen hatte, dachte ich mir ‚Die arme Frau, ich hoffe diese Schweine werden bestraft‘. Danach habe ich mich ein bisschen weiter über diesen Fall erkundigt.

Das gesamte Videomaterial wurde – zu Recht – nicht veröffentlicht. Und es soll auch nicht öffentlich gemacht werden. Frau Lohfink wünscht das aus nachvollziehbaren Gründen nicht. Sie hat zwar schon einmal einen ähnlichen Film gedreht, aber das ist… naja nunmal ein anderer Film.

Z.B. ging es zuerst darum gegen die Veröffentlichung des Videos vorzugehen, dabei war aber von „einvernehmlichen sexuellen Handlungen“ die Rede gewesen.

Dies wird auch durch den toxikologischen Befund gestützt (nicht bestätigt), der ziemlich eindeutig sagt, dass mit nahezu absoluter Sicherheit keine K.O.-Tropfen im Spiel waren (wie Frau Lohfink unterstellte).

Die Videoaufnahmen in der nicht geschnittenen Fassung scheinen auch recht eindeutig zu sein und nicht das wieder zu geben, was das Zusammengeschnittene zu zeigen scheint. Man muss sich hier die Frage stellen, warum die beiden Männer ein Video von der Vergewaltigung gedreht haben sollten, wo sie zu erkennen sind, um es dann in Teilen so ins Netz zu stellen und ganz an die Medien verticken zu wollen. Man mag ihnen zwar einen recht einfachen Intellekt unterstellen können und auch mit der moralischen Integrität der beiden ist es offensichtlich nicht weit her, aber so dumm können die gar nicht sein.

Was mich nun wirklich etwas ankotzt sind die Feministinnen, die jetzt ihre Beiträge schreiben. Wie bereits gesagt: „Wir“ kennen das Videomaterial nicht. Dennoch scheinen sich alle Experten, die das gesamte Videomaterial gesehen haben, sicher zu sein, dass dieses Videomaterial keine Vergewaltigung zeigt.

[Ich möchte hier immer nur Auszüge besprechen, nicht den ganzen Text.]


So schreibt die Mädchenmannschaft (Archiv):

Vielleicht ist es zynisch, aber wer in den letzten Wochen den Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink beobachtet hat, überrascht der Ausgang nur bedingt. Und trotzdem ist er natürlich ein Schlag in die Magengrube. Für Lohfink selbst. Und für alle anderen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Die Beweise scheinen darzulegen, dass Frau Lohfink keine „sexualisierte“ Gewalt erlebt hat. Deshalb ist es sehr verwunderlich, dass es für Menschen die sexuelle Gewalt erlebt haben , ein Schlag in die Magengrube ist. Das es für Frau Lohfink ein Schlag in die Magengrube ist, stimmt schon, aber nach der Beweislage hat sie ebenfalls schon zugeschlagen, muss sich also nicht wirklich wundern.

Das ist doppelt fatal, einmal für die Einzelperson (und allein das sollte schlimm genug sein), aber dann auch darüber hinaus als gesellschaftliches Zeichen: Sexualisierte Gewalt wird eh bereits nur sehr selten zur Anzeige gebracht. Neben den Gründen, die bisher dazu führten nicht anzuzeigen, kommt nun noch die offensichtliche Gefahr bei einer abgewehrten Anzeige zurück verklagt zu werden. Bei den katastrophalen Verurteilungsquoten für Vergewaltiger lassen sich die Konsequenzen leicht ausmalen.

Ich persönlich würde es ja vorziehen, wenn diese Feministinnen den Personen die Opfer sexueller Gewalt wurden, nicht so viel Angst einjagen würden.

Denn nur, wenn genug Beweise für eine Falschbeschuldigung bzw. falscher Verdächtigung vorliegen, wird man auch verurteilt. Auch ist eine Anzeige wegen dieser Falschbeschuldigung nur dann überhaupt sinnvoll, wenn man diese auch beweisen kann. Nur weil es nicht genug Beweise für eine Vergewaltigung gab, heißt das nicht, dass es genug für eine Falschbeschuldigung gibt. Es gilt nämlich immer, dass man die Schuld beweisen muss.

Angst haben braucht man als Opfer nur, wenn man nicht bei der Wahrheit bleibt. Aber dann machst du halt auch andere zum Opfer – zum Opfer deiner Lügen (Verzeihung! sachzwangreduzierten Wahrheit).

Bereits vor zwei Monaten fragte Nadia Shehadeh in einem Artikel:

Was ist das „Nein“ einer Frau wert? Was sind – wenn eine Frau vergewaltigt, die Tat gefilmt, das Video im Internet hochgeladen wird – alle „Neins“ dieser Welt wert? Darf eine Frau leben und arbeiten und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst das den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers, ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz in jeder Hinsicht?

Die Antwort wurde heute wieder einmal glasklar gegeben: Es ist nichts wert.

Ich frage mich immer was solch ein polemisches Geseier soll. Als ob sich ein Nein während einer sexuellen Handlung immer auf die sexuelle Handlung bezieht. Kontext Mädchen… Kontext. So hatte sich hier das Nein wohl eher auf das Filmen bezogen. Was man freilich in dem 2:30 min Zusammengeschnipselten nicht gesehen hat.

Die Frage muss hier also sein: Verlasse ich mich auf 2:30min die ich gesehen habe oder auf über 1 Stunde Videomaterial, dass von mehreren Experten und auch Expertinnen gesichtet wurde?


Oder gehen wir zu meiner Zweitlieblingsfeministin Margarete Stokowski über, die in ihrer Spiegel-Kolumne (Archiv) sich ebenfalls mit dem Fall beschäftigt.

Sie betonen, dass es ja wohl äußerst merkwürdig sei, dass Lohfink mit einem der Beschuldigten auch einvernehmlichen Sex gehabt habe – eine „Ungereimtheit“. Auch ein im Gericht geladener Sachverständiger, ein Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, bezog sich auf diese Tatsache. […] , aber er äußerte sich auch dazu, dass es zuvor einvernehmlichen Sex gegeben habe und der Mann demnach davon ausgehen konnte, dass das wieder so sein werde. Als würde ein Mensch nach einmaligem Sex jeder weiteren Penetration durch diese Person zustimmen.

Das ist nicht das, was gesagt wurde. Gesagt wurde, dass man davon ausgehen könne, nicht dass das eine automatische Zustimmung ist. Das ist eine wichtige Nuance. Denn das man davon ausgehen kann heißt, dass durchaus die Option des Verneinens bzw. Ablehnens besteht, diese aber (gegenüber einem noch-nie-miteinander-Sex-gehabt-Fall) unwahrscheinlicher ist.

Wir sind in dem auffällig widersprüchlichen Zustand, dass Frauen seit ihrer Schulzeit lernen, wie sie sich verhalten sollen, damit sie nicht vergewaltigt werden – nicht zu viel trinken, nicht zu kurzer Rock, nicht zu einsamer Heimweg – aber wenn es ihnen passiert, müssen sie nicht selten hören, dass sie sich alles nur ausdenken oder übertreiben.

So widersprüchlich ist das gar nicht. Ich löse das mal auf. Also wir sagen: Tut alles dafür nicht vergewaltigt zu werden. Es ist eine schlimme Sache.

Wir können daraus schlussfolgern, dass uns sehr daran gelegen ist, dass keine Vergewaltigung stattfindet. Wir können daraus schlussfolgern, dass uns die geistige und psychische Gesundheit dieser Frauen am Herzen liegt. Ebenso wie ihre sexuelle Integrität. Wir haben es hier also mit wohlwollenden Menschen zu tun.

Wenn diese wohlwollenden Menschen jetzt soetwas sagen, dann muss es dafür trifftige Gründe geben. Fakten die nicht zusammenpassen. Es besteht dann schlicht und ergreifend die Möglichkeit, dass eine Frau der „es passierte“ nicht die Wahrheit sagt. Das es vielleicht nicht passiert ist oder nicht so wie dargestellt passiert ist. Denn ob sie es glauben oder nicht: Auch Frauen können lügen.

In der derzeitigen Debatte gießt man mit derart diffusen Äußerungen Öl ins Feuer: Wer ohnehin schon dachte, Falschbeschuldigen seien ein häufiges Phänomen und ein eigenartiges Hobby rachsüchtiger, aufmerksamkeitsgeiler Frauen, kann jetzt denken, es sei eigentlich noch viel schlimmer.

Und wer bisher dachte, dass Falschbeschuldigungen ein seltenes Phänomen ist, kann sich jetzt darüber Gedanken machen ob dies vielleicht ein eigenartiges Hobby rachsüchtiger, aufmerksamkeitsgeiler Frauen ist und es in Wirklichkeit schlimmer ist, als sie glauben…


Oder gehen wir mal zur „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“. Mit dem absolut seriös klingenden Artikel „Im Zweifel sind wir alle Freiwild“ (Archiv).

Allein die Vermutung Lohfinks, ihr könnten KO-Tropfen verabreicht worden sein, reichte Staatsanwältin und Richterin, um ihr ein „Lügenkonstrukt“ zu unterstellen und in diesem Sinne zu urteilen.

Nun Frau Lohfink beschuldigte die beiden Männer sie vergewaltigt zu haben und sie behauptete, dass ihr jemand K.O. Tropfen in das Getränk gekippt haben müsse. Sie habe damit Erfahrung. Es scheint sich aber nciht bestätigt zu haben, dass sie unter dem Einfluss einer solchen Substanz stand.

Beide lebten auch in anderen Punkten ihre Voreingenommenheit in bemerkenswert ungehemmter Form aus: Das eindeutige „Hör auf“, das Frau Lohfink während der auf Film dokumentierten sexuellen Vorgänge mehrmals ausspricht, bezog sich ihrer ersten Interpretation zufolge nicht auf den Sex an sich, sondern auf die jeweilige sexuelle Handlung – wo da der entscheidende Unterschied sein soll, müssten Ebner und Staatsanwältin auch noch erklären.

Manchmal frage ich mich, warum sich Menschen bewusst dumm stellen. Es ist doch ziemlich eindeutig, dass man zwar mit jemandem Sex haben will, aber gewisse Praktiken nicht vollziehen möchte. So kann man zwar Blümchensex wollen, aber keinen Oralex. Versucht der Partner das, kann man sagen: „Lass das.“ oder „Hör auf.“ oder „Nein, ich will das nicht.“.

Wenn diesem dann Folge geleistet wird (also kein Oralsex erfolgt), der Sex aber weitergeht, dann ist das keine Vergewaltigung.

Dann – wohl um jeden Eindruck einer sexuellen Grenzüberschreitung zu negieren – wussten sie, dass es sich nur auf das Filmen bezogen haben kann. Offensichtlich ging es bei diesen Interpretationen darum, die für Frau Lohfink ungünstigste Variante zu finden und daran festzuhalten. Die behauptete Eindeutigkeit der letzten Version wird bereits dadurch unterminiert, dass selbst die Staatsanwältin nacheinander zwei verschiedene Versionen für wahrscheinlich hielt – ganz abgesehen davon, dass auch sie nicht in Frau Lohfinks Kopf sehen kann.

Also ich habe mir mehrere Artikel durchgelesen und es scheint mir mehr so zu sein, dass immer nur einzelne Menschen zitiert werden. Es scheint tatsächlich eher nur strittig zu sein, ob das „Nein“ bzw. „Hör auf“ auf die Sexpraktiken oder das Filmen Bezug nimmt. Es scheint nicht strittig zu sein, ob es sich auf den Sex insgesamt bezieht.Dies scheint nämlich eindeutig nicht der Fall zu sein.

Ein radikaler Gedanke: Könnten die verscheidenen „Nein“s und „Hör auf“s sich vielleicht mal auf die Sexpraktik und mal auf das Filmen beziehen?

Und warum gilt in diesem Fall eigentlich nicht im Zweifel für die Angeklagte?

Weil scheinbar die Richterin keinen Zweifel hegte.

Dass auch weitere Zeuginnen von eigenen Gewalterfahrungen mit Sebastian Pinto, einem der beiden mutmaßlichen Vergewaltiger, berichteten, focht die Richterin in ihrem Urteil ebenfalls nicht an.

Aus diesem Urteil spricht Frauenhass.

Oder. ODER, dass es in diesem Prozess um eine mutmaßliche Falschbeschuldigung ging und die Vorgeschichte des Herrn Pinto zwar durchaus zu berücksichtigen ist, aber mit dem Fall direkt nichts zu tun hat.

Daher spricht aus diesem Urteil deutlich eher Differenziertheit denn Frauenhass.

Dass es zwei Frauen sind, die sich mit derartiger Verve der juristischen Verfolgung einer Betroffenen hingaben, ist dabei kein Widerspruch. Auch internalisierter Frauenhass kann in der Form wirksam werden; und das umso mehr, wenn Frauen sich in einem männlich dominierten Feld beweisen müssen und jeglichem Verdacht einer Frauenparteilichkeit mit besonderer Härte diesen gegenüber vorzubeugen versuchen.

Nur das die Staatsanwältin wohl auch so ziemlich gnadenlos zu sein scheint. Das verlinkte Beispiel handelt von einem Fall wo der Mann auf der Anklagebank saß… Sie scheint also ungeachtet des Geschlechtes besondere Härte walten zu lassen.

Doch in diesem Fall kommt noch ein weiterer entscheidender Punkt hinzu: Richterin und Staatsanwältin konnten Frau Lohfink als Frau von anderer Art als sich selbst betrachten, als eine nämlich, die für ihr für ihr sexualisiertes Auftregen nichts Besseres als das verdient, was ihr angetan wurde – und deren Bestehen auf ihrem Recht als Anmaßung nur eine Bestrafung verdient.

Das ist eine ziemlich krasse Unterstellung.

Diese Botschaft vernehmen selbstverständlich auch Betroffene, die sexuelle Gewalt erleben mussten. Empfehlenswert war es noch nie, im deutschen Staat eine Vergewaltigung anzuzeigen – bei einer Verurteilungsquote von inzwischen nur noch 8,4%.

Und wieso macht eine solche Verurteilungsquote das nicht ratsam?

‚Oh, die Verurteilungsquote ist so gering, dann zeige ich mal lieber nicht an, damit der Vergewaltiger GANZ SICHER nicht verurteilt wird.‘

Wie scheiße dämlich kann man eigentlich sein? Was für ein menschenverachtendes Arschloch muss man eigentlich sein um Opfern sexueller Gewalt zu sagen: ‚Hey, zeig nicht an, bringt eh nichts.‘ Das ist ekelhaft. Und ausgerechnet jemand wie Sie unterstellt anderen, dass sie Vergewaltigern grünes Licht geben. Ausgerechnet jemand der sagt, dass man gar nicht erst versuchen sollte, diese zur Rechenschaft zu ziehen.

Übrigens sagt die Verurteilungsquote gar nichts aus. Denn bei den verbliebenen 91,6% sind alles mögliche dabei: Zurückgezogene Anzeigen, Falschbeschuldigungen und Fälle in denen es einfach nicht ausreichend Beweise in die eine oder andere Richtung gab.

Aber welch Signal der Rechtlosigkeit wird Betroffenen und mit ihnen sämtlichen Frauen hier erneut gegeben! Im Zweifel sind wir alle Freiwild – das wird, sollte eine doch noch an justizielle Gerechtigkeit glauben, vor Gericht dann offensichtlich gerne nochmal festgeklopft.

Genau. Schämen Sie sich, das Signal der Rechtlosigkeit an die Opfer auszusenden. Immerhin kommt es in 8,4% der Fälle zu Verurteilungen. Denken sie daran, dass auch die Beschuldigten Rechte haben. Es ist ein Menschenrecht, dass man als Unschuldig zu gelten hat, bis zum Beweis der Schuld (Art. 11 (1)).

Der Fall Gina Lisa Lohfinks, bei der tatsächlich eine Frau, die eine Vergewaltigung anzeigte, von der Justiz vor Gericht gezerrt und verurteilt wurde, ist jedoch ein in seiner Drastik extremes Vorkommnis (meist reicht es der Justiz, die Täter freizusprechen).

Exakt, meist aus Mangel an Beweisen. Und diesmal gab es sie. Ist es nicht schön, wenn die Gerechtigkeit obsiegt?

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Gina Lisa Lohfink

  1. Nicht, dass ich Gina-Lisas Unterstützer*innen vollumfänglich verstehen würde – aber gerade ab der Mitte argumentierst du doch vereinfacht und teilweise auch sehr schlecht. Das ist dann genau so ein „das ist halt so“, wie es aus ersterem Lager oft kommt.
    Beispiel Verweigerung von Sexpraktiken: Mag sein, dass das oft so ist, wie von dir beschrieben. Möglich ist aber auch, dass sich die Frau in einem entsprechenden Fall prinzipiell gezwungen fühlt bzw. gezwungen ist, überhaupt mitzumachen. Sich aber nicht traut gänzlich zu wehren – ungleiche Kräfteverhältnisse, Angst – eben nur gegen Praktiken, die sie besonders nicht will und evtl. die Chance sieht, dass ihr das gewährt wird. Kleineres Übel sozusagen.
    Genauso ist die Reproduktion von männlichem Denken durch Frauen in der Justiz durchaus etwas, dass man nicht einfach so verwerfen kann. Denn die müssen und mussten sich in einem von Männern institutionell und praktisch geprägten Geschäft durchsetzen. Deshalb ist es durchaus möglich, dass die Mechanismen in einem entsprechenden Fall genau dazu führen, den Vorwurf nicht adäquat zu prüfen, sondern voreilig falsche Schlüsse zu ziehen.
    Und weshalb soll die Erfolgsquote solcher Verfahren keine Rolle spielen? Die Entscheidung, so einen Prozess anzustrengen ist ja nicht so, wie eben mal beim Supermarkt zu versuchen irgendwas umzutauschen. „Kann man ja mal probieren, auch wenn die Chance nicht so groß ist.“ Mit Blick auf Kosten, Arbeit und Stress würde ich mir auch bei Lappalien wie Sachschäden gut überlegen, ob es sich lohnt vor Gericht zu ziehen. Ein Vergewaltigungsprozess ist – da wirst du mir ja zustimmen – wohl emotional noch ungleich bedeutender – insbesondere für das Opfer. Dementsprechend erhöht sich die Hemmschwelle einen solchen anzustrengen, wenn dort am Ende die Chance größer zu sein scheint, die eigene Unrechtserfahrung marginalisiert, ja gar verworfen zu bekommen. Dann lieber gar nicht mehr dran denken.
    Ob der vorliegende Fall dazu taugt, solche notwendigen Dinge zu thematisieren weiß ich auch nicht. Auch nicht, ob das Vorgehen der Unterstützer*innen das Richtige ist. Ich tue mich da sehr schwer, das Ganze einzuordnen. Dein Artikel hat mir allerdings schon etwas geholfen #teamginalisa besser zu verstehen. Auch die „Militanz“. Denn es ist das Eine, eine andere Auffassung von der „Qualität“ der Gerichtsverfahren zu haben – oder aber die Kritik generell als unqualifiziert abzutun.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Deine Antwort.
      Ich denke ich habe mich tatsächlich in manchen Punkten missverständlich ausgedrückt. Danke für die Hinweise. Ich möchte das hier etwas weiter ausführen.

      „Beispiel Verweigerung von Sexpraktiken: Mag sein, dass das oft so ist, wie von dir beschrieben. Möglich ist aber auch, dass sich die Frau in einem entsprechenden Fall prinzipiell gezwungen fühlt bzw. gezwungen ist, überhaupt mitzumachen. Sich aber nicht traut gänzlich zu wehren – ungleiche Kräfteverhältnisse, Angst – eben nur gegen Praktiken, die sie besonders nicht will und evtl. die Chance sieht, dass ihr das gewährt wird. Kleineres Übel sozusagen.“

      Ich bezog mich hierbei auf diesen Teil des Artikels: „[…]zufolge nicht auf den Sex an sich, sondern auf die jeweilige sexuelle Handlung – wo da der entscheidende Unterschied sein soll“. Meine Antwort ist eine Erklärung genau dafür.
      Natürlich kann das von Dir zu Bedenken gegebene auch sein. Aber Thema war hier ja der Unterschied zwischen Sex an sich und Sexpraktik. Wie ich auch schon schrieb: Wenn diese Sexpraktik nicht gewünscht ist und dann auch nicht durchgeführt wird, dann ist dieser Teil keine Vergewaltigung, Vor allem wenn Sex an sich sehr wohl gewünscht ist.

      „Genauso ist die Reproduktion von männlichem Denken durch Frauen in der Justiz durchaus etwas, dass man nicht einfach so verwerfen kann. Denn die müssen und mussten sich in einem von Männern institutionell und praktisch geprägten Geschäft durchsetzen. Deshalb ist es durchaus möglich, dass die Mechanismen in einem entsprechenden Fall genau dazu führen, den Vorwurf nicht adäquat zu prüfen, sondern voreilig falsche Schlüsse zu ziehen.“

      Wieso ist unser Justizsystem praktisch und institutionell von Männern geprägt? Und wenn das so ist, wie kommst Du auf den Gedanken, dass das dazu führt, dass Vorwürfe nicht adäquat überprüft werden und voreilig falsche Schlüsse gezogen werden? Und vor allem: Glaubst Du, dass das in einem von Frauen geprägten System nicht der Fall sein kann?
      Ich meine: Welches männliche Denken führt denn zu voreiligen falschen Schlüssen und dazu, dass nicht adäquat geprüft wird? Was waren denn die falschen Schlüsse? Was wurde denn nicht adäquat gepüft?
      Natürlich ist all das möglich. Fehler unterlaufen jedem Menschen, aber das ist ja wohl keine Männersache, sondern eher eine Menschensache.

      „Und weshalb soll die Erfolgsquote solcher Verfahren keine Rolle spielen? Die Entscheidung, so einen Prozess anzustrengen ist ja nicht so, wie eben mal beim Supermarkt zu versuchen irgendwas umzutauschen. „Kann man ja mal probieren, auch wenn die Chance nicht so groß ist.“ Mit Blick auf Kosten, Arbeit und Stress würde ich mir auch bei Lappalien wie Sachschäden gut überlegen, ob es sich lohnt vor Gericht zu ziehen. Ein Vergewaltigungsprozess ist – da wirst du mir ja zustimmen – wohl emotional noch ungleich bedeutender – insbesondere für das Opfer. Dementsprechend erhöht sich die Hemmschwelle einen solchen anzustrengen, wenn dort am Ende die Chance größer zu sein scheint, die eigene Unrechtserfahrung marginalisiert, ja gar verworfen zu bekommen. Dann lieber gar nicht mehr dran denken.“

      Natürlich steht da immer die Überlegung ob es sich lohnt. Aber, wie Du richtig bemerkt hast, ist eine Vergewaltigung keine Lappalie. Und ich stimme Dir auch zu, dass die Hemmschwelle größer ist, wenn am Ende die Chance größer zu sein scheint, die eigene Unrechtserfahrung marginalisiert zu sehen bzw. vorgeworfen zu bekommen. DESHALB habe ich diese 8,4%-Aussage ja auch angegriffen. Habe zu bedenken gegeben, dass der Rest nicht nur aus Falschbeschuldigungen besteht. Und das es die Fälle gibt, in denen es nicht ausreichend Beweise in die eine oder andere Richtung gibt. Und habe zudem auch noch darauf verwiesen, dass auch die Beschuldigten Rechte haben.
      Was ich nicht erwähnt habe, und ich vermute hier meinen Fehler, ist, dass nur weil es nicht ausreichend Beweise für die eine oder andere Richtung gibt, dass nicht automatisch als Falschbeschuldigung gewertet wird. Im Gegenteil, erst wenn es ausreichend Beweise dazu gibt, wird das als Falschbeschuldigung gewertet.
      Diese 8,4%-Aussage ist derartig undifferenziert und schlicht und ergreifend angsteinflößend für tatsächliche Opfer, dass diese nichts anderes aussagt als: „Lohnt nicht“. Das wiederum kann natürlich eigentlich überhaupt nicht im Sinne einer Organisation sein, die sich selbst „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ nennt.
      Die Justiz muss Beweise haben. Es kann z.B. auch genug Beweise geben, DASS du vergewaltigt wurdest, womit dir in dieser Hinsicht glauben geschenkt wird. Aber gleichzeitig kann es nicht ausreichend Beweise dafür geben, dass die Person, die Du beschuldigst, das gemacht hat. Oder sogar Beweise (Alibi) dagegen.
      Das bedeutet aber nicht, dass deine Unrechtserfahrung marginalisiert wird. Das heißt nur, dass ein Beschuldigter nicht hinter Gitter kommt. Und zwar genau aus dem Grund, dass man vermeiden möchte, einem Unschuldigen ein Unrecht anzutun. Es mag für die vergewaltigte Person zwar eine Genugtuung sein, die beschuldigte Person hinter Gittern zu sehen, aber dadurch wird das Unrecht, dass ihr angetan wurde nicht wieder gut gemacht und ein weiteres Unrecht begangen (sollte die beschuldigte Person unschuldig sein).

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