Wirkliche Diskriminierung gegen Frauen

Ich bin Heilerziehungspfleger. Ein Beruf in dem primär Menschen mit Behinderungen betreut, im Alltag unterstützt und gefördert sowie gepflegt werden.

Laut einer Veröffentlichung der Fachhochschule Bielefeld lag 2003 der Männeranteil im Heilerzieherberuf bei 37,5%. 2004 waren es nur noch 25%. Ein Sprung zu 2013, da gibt das Statistische Bundesamt einen Frauenanteil von 79,5% aus also 20,5% Männer.

Wir haben es also mit einem sehr niedrigen Männeranteil zu tun.

Jetzt müssen wir aber auch betrachten mit wem wir es in diesem Job zu tun haben. Das Statistische Bundesamt gab 2014 bekannt, dass etwas mehr als die Hälfte (51%) der Menschen mit schweren Behinderung männlich sind.

Nun ist es nicht wirklich ein Geheimnis, dass man in meinem Job als Mann bevorzugt wird. Und ich meine wirklich bevorzugt wird. Aus zuverlässiger – da Primärquelle – weiß ich, dass es in einer Einrichtung in der Region eine Phase von etwa zwei Jahren gab, in dem man eingestellt wurde, weil man ein Mann ist – vollkommen unabhängig von Qualifikation, Vorerfahrung oder was auch immer. Die Tatsache, dass du ein Mann warst hat gereicht um dich einzustellen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall, aber noch immer ist nahezu flächendeckend in unserer Region der Mann im Vorteil in meinem Beruf.

Tatsächlich habe ich schon zweimal davon Nutzen gehabt. Beim ersten Mal war eine männliche Kraft gesucht worden (auch wenn man das natürlich so nicht in die Ausschreibung geschrieben hat). Die Leitung dieser Einrichtung hatte eine Frau und die Mitarbeitervertretung (MAV) bestand zu dem Zeitpunkt auch aus ausschließlich Frauen. Sie alle waren sich vollkommen bewusst, dass diese Stelle keine Frau bekommen würde. Tatsächlich weiß ich davon, dass ein Mann gesucht wurde, weil die Leiterin der Einrichtung mir dies im Vorstellungsgepräch unumwunden sagte.

Im zweiten Fall wahr es ebenfalls eine Chefin die mich einstellte und auch keinen Hehl daraus machte, dass man in unserem Beruf alle Männer an Land zeihen müsse wo es nur ginge.

Warum ist das so? Es gibt geistige, seelische und körperliche Behinderungen. Dies in den verschiedensten Formen und mit verschiedenster Notwendigkeit der Unterstützung. Zudem gibt es noch Mehrfachdiagnosen, wo Menschen sowohl geistig als auch seelisch behindert sind oder geistig-körperlich oder seelisch-körperlich oder gar alles drei zusammen oder innerhalb einer der Kategorie mehrere Diagnosen haben oder…

Fangen wir mit dem offensichtlichen an. Viele Menschen mit (körperlichen) Behinderungen sind nicht in der Lage sich selbst umfassend zu pflegen. Sie benötigen unterstützung beim Zähneputzen, Haare kämmen etc. . Alles ersteinmal noch kein Problem. Aber was ist mit Intimpflege? Wenn die Vorlage gewechselt werden muss, weil der Mensch nicht alleine zur Toilette kann? Wenn der Genitalbereich gereinigt werden muss? Wenn sich unter der Brust der Frau ein Intertrigo entwickelt? Das ist ein sehr sensibler und auch intimer Bereich. Und ich denke die meisten Menschen können nachvollziehen, wenn eine Frau dort nicht unbedingt von einem Mann gepflegt werden möchte. Genauso kann man es aber auch nachvollziehen, wenn ein Mann nicht von einer Frau gewaschen werden möchte. Ganz besonders unangenehm für manche junge Männer ist es, wenn sie im Genitalbereich von einer attraktiven jungen Frau gepflegt werden und es dabei zur Errektion kommt. Übrigens ist das auch für die weibliche Pflegekraft eine sehr unangenehme Situation – die leider öfter vorkommt, als man meinen möchte.

Um solchen Situationen zu entgehen muss man einen Mann zur Verfügung haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind RollenVORbilder, alte Rollenbilder und Bezugspersonen.

Gerade Menschen mit geistiger und/oder seelische Behinderung fällt es oft schwer sich in andere Menschen hineinversetzen zu können bzw. diese als Vorbilder zu nehmen. Einem geistig (halbwegs) gesunden Erwachsenen fällt es nicht schwer auch Menschen des anderen Geschlechtes als Rollenvorbild zu nehmen (tatsächlich ist noch heute mein berufliches Vorbild meine Anleiterin im Praktikum), aber bei einem geistig gesunden Kind ist das schon schwer und bei einem Menschen mit einer mittelgradigen oder gar schweren geistigen Behinderung ist es erschwert bis nahezu unmöglich. (Hierbei ist das Lebensalter sogar nahezu irrelevant. Auch 70jährige Menschen mit einer geistigen Behinderung erlernen diese Fähigkeiten nicht.) Warum sollte man ihnen in ihrer Rollenfindung Steine in den Weg legen, indem man ihnen keine passenden Personen des entsprechenden Geschlechtes zur Verfügung stellt?

Aber auch Menschen, die nur leicht geistig behindert sind und alte Geschlechterrollen im Bezug auf „Herrschaft im Haus“ haben, können Probleme haben, von Frauen Anweisungen oder Anleitung zu bekommen. Dieses Phänomen tritt übrigens nicht nur bei männlichen Klienten auf, sondern auch bei weiblichen. Wobei diese zugegebenermaßen eher selten sind. Auch hier erleichtert man den Umgang durch die Anwesenheit eines Mannes, der entweder das weibliche Personal legitimisiert, also immer wieder bestätigt, dass diese Frau das machen darf und kann, bis dies ohne Legitimisierung angenommen wird oder aber, indem er selbst die Anweisungen und Anleitungen durchführt.

Der letzte Punkt den ich noch ansprechen möchte ist Gewalt. Ich habe in meiner kurzen 9 jährigen Laufbahn noch nie in einer Einrichtung bzw. Gruppe gearbeitet wo nicht entweder fremd- oder autoaggressive Menschen betreut wurden, bzw. Menschen, die ihre Bewegungen nicht kontrollieren konnten und schon mal zugegriffen haben und nicht wieder loslassen konnten. In all diesen Fällen ist es extrem von Vorteil einen Mann vor Ort zu haben, der entweder den Klienten festhalten kann oder einen Griff lösen kann. Dazu braucht man im Regelfall viel Kraft. Und da sind Männer objektiv im Vorteil.
Und wir wollen jetzt gar nicht davon anfangen, dass man auch schonmal um 6 Uhr morgens aus dem Bett geklingelt wird, weil die Lifter kaputt sind und die Leute in ihre Rollstühle müssen…

Wir haben also mehrere Gründe, warum Männer in unserem Bereich derartig bevorzugt behandelt werden. Und jeder weiß davon. Auch die Frauen, die in diesen Beruf gehen.

Hier steht der Wille nicht gegen jemanden auf Grund eines Geburtsmerkmales (hier Geschlecht) zu diskrimieren gegen den Willen, das Beste für die Betreuten herauszuholen.

Löse das moralische Dilemma.

 

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5 Gedanken zu “Wirkliche Diskriminierung gegen Frauen

  1. Eine negative oder positive Diskriminierung ist gerechtfertigt, wenn der Grund der Diskriminierung (Unterscheidung) in der Natur der Sache liegt.

    Ein Kind wird diskriminiert, wenn ihm der Zugang zu Alkohol verwehrt wird.Die eigene Gesundheitsgefährdung ist erlaubt, soweit sie aus einem bewussten und freien Wille entstanden ist, den man mit Erreichen des 16. Lebensjahres annimmt. Die eigene Gesundheitsgefährdung ist nicht erlaubt, soweit dieser Wille nicht vorliegt. Es liegt in der Natur des Kindes über diesen Willen nicht zu verfügen, womit ihm der Zugang aus der Natur der Sache heraus verwehrt wird.

    Ein Bewerber wird positiv diskriminiert, wenn sein Geschlecht über die Einstellung entscheidet. Wenn der Beruf wesentlich mit dem Geschlecht verknüpft ist, dann ist die Diskriminierung gerechtfertigt, weil sie in der Natur der Sache liegt: der Beruf könnte ohne die Verknüpfung mit diesem Geschlecht nicht ausgeführt werden.

    Ist das Kriterium Geschlecht nicht unabdingbare Voraussetzung für die Ausübung aller oder eines wesentlichen Teils der beruflichen Aufgaben, dann handelt es sich um nicht gerechtfertigte Diskriminierung. Eine Frauenquote ist daher grundsätzlich eine nicht gerechtfertigte Diskriminierung, weil deren Begründung nicht in der Natur der Sache liegt.

    In deinem Fall handelt es sich um eine gerechtfertigte Diskriminierung.

    Gefällt 1 Person

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