Kampfbereitschaft

Heute Morgen gab es bei mir auf der Arbeit einen Vorfall. Und ich möchte in dieser Nacherzählung an einen Blogpost von „früher“ anknüpfen wo es um die wirkliche Diskriminierung von Frauen geht.

Ich hatte dort folgendes geschrieben:

Der letzte Punkt den ich noch ansprechen möchte ist Gewalt. Ich habe in meiner kurzen 9 jährigen Laufbahn noch nie in einer Einrichtung bzw. Gruppe gearbeitet wo nicht entweder fremd- oder autoaggressive Menschen betreut wurden, bzw. Menschen, die ihre Bewegungen nicht kontrollieren konnten und schon mal zugegriffen haben und nicht wieder loslassen konnten. In all diesen Fällen ist es extrem von Vorteil einen Mann vor Ort zu haben, der entweder den Klienten festhalten kann oder einen Griff lösen kann. Dazu braucht man im Regelfall viel Kraft. Und da sind Männer objektiv im Vorteil.

Es begab sich also heute Morgen, dass einer unserer Bewohner ausgerastet ist. Der Bewohner ist fast 50, etwa 1,60m groß und ziemlich pummelig. Ich war gerade in der Küche, als er meine Arbeitskollegin angriff. Diese ist zwar von selber Größe, aber erst Mitte 20 und Kampfsportlerin. Sie macht Judo und unterstützt bei den betriebsinternen Selbstverteidigungskursen. Das war der Grund warum sie einer ansonsten etwas besser qualifizierten Mitbewerberin vorgezogen worden war, da dieser Bewohner schonmal öfter handgreiflich geworden war.

Dieser Bewohner muss seine Medikamente beim Frühstück nehmen, damit die Medikamente mit der Nahrung verarbeitet werden und die Magenwände nicht angreifen. Der Bewohner weigerte sich diese zu nehmen. Meine Kollegin stellte sie ihm dennoch auf seinen Platz, was ihm nicht passte. Er schlug, trat und kratzte meine Kollegin mehrfach. Bis ich dabei war und ihn von ihr wegzog.

Was mich im Rückblick stark verwunderte war, dass sie nicht einmal versuchte sich zu wehren. Sie hob nur ihre Hände um ihr Gesicht zu schützen, das aber gar nicht angegriffen wurde. Und das als Kampfsportlerin. Ich habe sie nicht gefragt, warum sie sich nicht gewehrt hat (was sie selbstverständlich und auch ausdrücklich darf und soll), denn sie war ziemlich durcheinander nach dem Vorfall.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie dieser Bewohner mich das erste Mal angegriffen hat und wie er einmal einen Praktikanten angegriffen hat. Sowohl dieser als auch ich haben sofort den „Gegenangriff“ eingeleitet und hatten den Bewohner in kürzester Zeit unter Kontrolle. Ich weiß nun nicht wie es bei dem Praktikanten (gewesen) ist, aber ich bin definitiv kein Kampfsportler.

Auch wenn ich die Berichte über die anderen Übergriffe des Bewohners jetzt im Rückblick betrachte fällt mir das auf. Die Aggressionen gegenüber den Kolleginnen dauerten immer länger, weil entweder erst die Hilfe kommen musste oder sie länger brauchten um sich überhaupt zu wehren. Wohingegen angegriffene Männer sehr schnell mit der Gegenwehr begonnen haben.

Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme und die Berichte sind jetzt auch nur aus meinem Gedächtnis. Ich müsste das nochmal genau nachlesen. Aber dennoch habe ich den Eindruck, dass meine Kolleginnen deutlich weniger „wehrbereit“ bzw. „kampfbereit“ sind als meine Kollegen.

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5 Gedanken zu “Kampfbereitschaft

  1. “ Und das als Kampfsportlerin. “

    Ja, sehr erstaunlich. Ich habe selbst viele Jahre Karate gekämpft und kann bestätigen, daß einem sowas in Fleisch und Blut übergeht. Da denkt man nicht mehr, sondern handelt intuitiv, was oft sehr erfolgreich ist – gerade im Wettkampf.

    Allerdings stellt sich der Effekt nur ein, wenn wirklich ernsthaft gekämpft wird. Da ich mit 11 Jahren damit angefangen habe, kann ich beurteilen, was das heißt, da am Anfang mehr rumgespielt wird. Eben für Kinder in dem Alter angemessen. Je älter man wird, desto drastischer geht es zur Sache – langsame Steigerung.

    Doch das alles ist kein Vergleich zum ersten offiziellen Wettkampf Verein A vs Verein B. Dann wird es wirklich ernst und die Wettkampfrichter schauen nicht so genau hin, wenn mal zugelangt wird. Das wird zum Finale hin auch schlimmer, da kann man richtig verdroschen werden – in einem Kampf, wo Vollkontakt eigentlich verboten und ein Disqualifikationsgrund ist.

    Die Folge ist, daß der erste echte Wettkampf eine Art Wasserscheide ist. Denn JEDER, der zum ersten Mal kämpft, bekommt da gewaltig was ab. Danach entscheiden sich die Leute: Die einen sagen sich „Nie wieder einstecken.“ und gehen zum Angriff über. Das führt recht zuverlässig dazu, daß man selbst austeilt, aber nicht mehr einsteckt. Die anderen sagen sich: „Nie wieder einstecken.“ und verlassen den Kampfsport für immer.

    Und von dieser Regel wurden definitiv noch keine Ausnahmen beobachtet.

    Daher wird man als Kampfsportler nach und nach an die körperliche Konfrontation herangeführt wie z.B. durch „japanisches Training“, wo der Senzai die Fehler mit dem Stock korrigiert. Das passiert selten, aber es kommt vor.

    Kurz: Wer nicht im Ernst kämpft, sondern auf der Matte immer nur versucht, den Anforderungen zu genügen und die Regeln befolgt, weil er nichts zu befürchten hat, der ist nie bereit, wenn es ernst wird. In meinen Augen ist die Diagnose klar: Die Tussi hat nie gekämpft – und der Rest ist nur show.

    Vermutlich gibt es Analoga, die sich im Krieg ereignen, wo scheinbar einfache Leute herorisch über sich hinauswachsen. Leider kenne ich solche Geschichten nicht.

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