Soziale Konstruktion

Laut einigen Feministen_*Innen (*1) ist Gender nur ein soziales Konstrukt. Die Art wie wir leben, uns präsentieren und damit unser Geschlecht ausleben ist rein sozial konstruiert.

Als Begrifflichkeit wurde gender erstmals in der Medizin in der Forschung mit Intersexuellen in den 1960er Jahren verwendet, um die Annahme zu verdeutlichen, dass die Sozialisation der Individuen für die Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist. So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht [*1] in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar.

[*1] Ich vermute die Uni Bielefeld (bzw. die ‚Projektgruppe Genderportal‘) hat hier vergessen Geschlecht durch Gender zu ersetzen.

Nun habe ich dem in einem gewissen Rahmen sogar zugestimmt und tue das auch weiterhin. Am 20. Oktober schrieb ich in meinem Blogartikel „Was der Gender Pay Gap impliziert“ folgendes:

Ich wäre natürlich nicht so vermessen zu behaupten, dass unsere Sozialisation keinen Einfluss auf unser Verhalten hat. Das wäre vor dem Hintergrund unterschiedlicher Kulturen weltweit, aber auch von Subkulturen oder „Szenen“ eine nicht haltbare Behauptung. Also spielt Sozialisation eine Rolle.

Interessant ist dabei, dass innerhalb dieser Kulturen die Geschlechterrollen durchaus nicht so sehr abweichen, wie die Werte und Traditionen der Kulturen. Man könnte fast sagen, dass die klassischen Rollenbilder Human Universals sind.


Gestern habe ich über die hormonelle Verhütung von Männern, bzw. das unqualifizierte Verhalten von Pinkstinks.de im Beitrag „Wer lesen kann…“ gesprochen.

Darin habe ich die Nebenwirkungen der Studie grafisch dargestellt.

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Wir sehen: 320 Teilnehmer und 913 Nebenwirkungen. Ziehen wir davon alle physiologischen Nebenwirkungen ab (also Schmerzen, Akne, Juckreiz, usw.) kommen wir auf 427 Nebenwirkungen die die Psyche bzw. das Verhalten betreffen. Also im Schnitt ungefähr 1,33 psychische Nebenwirkungen pro Teilnehmer. Wobei Juckreize und Schmerzen natürlich ebenfalls unser Verhalten beeinflussen und damit die Hormone auch hier indirekt Einfluss auf unser Verhalten nehmen. Im Gegenzug könnte ich anführen, dass es nicht überall erwiesen ist, dass diese Dinge wirklich auf das Präparat zurückzuführen sind (*2). Aber wir wollen ja mal nicht päpstlicher sein als der Papst.

Denn alleine die Tatsache, dass diese Wissenschaftler einige der psychischen Nebeneffekte definitiv auf das Präparat zurückführen spricht Bände. Unter diesen ist besonders „increased libido“ zu erwähnen. 63 der Vorfälle waren definitiv auf das Präparat zurückzuführen. Bei 320 Teilnehmern sind das 19,69% der Teilnehmer also fast ein Fünftel. Aber das ist nur das mit absoluter Sicherheit. Nehmen wir die wahrscheinlichen Zusammenhänge und die möglichen hinzu steigt der Einfluss des Präparates über 35,31% auf 38,75% der Teilnehmer. Also fast zwei Fünftel. Und das NUR bei dem gesteigerten Sexualtrieb.

Als kleine Anmerkung: Broadly verlinkte eine Studie zu den Einflüssen, die die Anti-Baby Pille (also auch eine hormonelle Verhütungsmethode) bei Frauen hat und auch diese bestätigt scheinbar einen Zusammenhang zwischen Hormonänderung und Stimmungsveränderung.

Doch kommen wir mal weg von diesen Präparaten und gehen über zu Psychopharmaka. Das sind Medikamente, die bestimmte Stoffwechselvorgänge im Gehirn beeinflussen.

Bei den Psychopharmaka werden üblicherweise sieben Gruppen unterschieden:

  •     Antidepressiva
  •     Stimmungsstabilisierer (Phasenprophylaktika)
  •     Antipsychotika (Neuroleptika)
  •     Anxiolytika / Hypnotika
  •     Antidementiva
  •     Psychostimulanzien
  •     Sonstige Psychopharmaka

Man kann also durch Zugabe von Medikamenten die Stimmung des Menschen verändern. Und damit auch ihr Verhalten.

Letztendlich gibt es diese Funktion auch bei Drogen (s.g. Upper und Downer) oder Alkohol. Bei Alkohol sehen wir im Alltag die enthemmende Wirkung nahezu überall. Aber wir wissen auch um die Wahrnehmungsstörungen, den Verlust der motorischen Fähigkeiten und um die Beeinträchtigung des Gedächtnisses (Filmriss).


Wir haben nun bis jetzt aber nur die Zugabe von Wirkstoffen in den menschlichen Körper besprochen. Jetzt wäre es an der Zeit einmal über die Veränderungen im Verhalten durch körpereigene Stoffe zu sprechen. Dafür nur zwei Beispiele.

Das erste wäre Adrenalin: Dieses Stresshormon hat, neben Einwirkungen auf die Muskulatur (speziell Herz) und Adern auch einen Einfluss auf das Gehirn. Es steigert zum Beispiel die Leistungsbereitschaft und stellt unseren Körper auf wichtige Überlebensstrategien wie Kampf oder Flucht ein. Ich habe kürzlich über die „Kampfbereitschaft“ gesprochen, jedoch nicht über die Nachwirkungen. Meine Arbeitskollegin hat nach dem Vorfall stark gezittert und war nachher ganz erschöpft. Eine Nebenwirkung von Adrenalin.

Oder zwei Beispiele die etwas geschlechterspezifischer sind und damit eine hervorragende Überleitung zu meinem späteren Fazit darstellen.

Erstens: Der weibliche Zyklus. Ich denke es gibt kaum einen Menschen, der nicht eine Frau kennt, die während „ihrer Tage“ nicht eine Verhaltensänderung an den Tag legt. Oftmals in Verbindung mit Regelschmerzen, die durch die Ablösung der Gebärmutterschleimhaut entstehen (die wiederum durch den verringerten Hormonspiegel von Progesteron entsteht). Die Prävalenz dieser Verhaltensänderung zeigt sich in der Frage „Hast du wieder deine Tage?“ wenn eine Frau besonders aggressiv bzw. reizbar ist.

Zweitens: Testosteron in Verbindung mit Kortisol. Ich hatte schon länger vor darüber einen Blogeintrag zu machen, hatte aber nie die Gelegenheit dazu das passend auszuformulieren, aber jetzt bietet es sich an. Im populärwissenschaftlichen Magazin „Psychologie Heute“ gab es einen Artikel der sich „Bloß kein Stresshormon!“ nennt (*3). In diesem wird beschrieben, dass Testosteron dabei hilft Hierarchien zu erklimmen. Gary Sherman und sein Team der Harvard University haben das anhand von 78 Führungskräfte im Staatsdienst (alles Männer) nachgewiesen. Alle mussten angeben, wieviele Untergebene sie hatten und mussten, um die Hormone zu bestimmen, Speichelproben abgeben. Heraus kam, dass diejenigen mit mehr Testosteron „mehr Rangniedere kommandierten“. Jedoch nur, wenn diese nicht auch viel Kortisol im Blut hatten. Denn war dies der Fall, war die Menge von Testosteron nicht mehr so wichtig. Diese Männer hatten nur eine mittlere Anzahl an Rangniederen. Kortisol funktionierte quasi als Gleichmacher.

Es ist noch nicht klar, auf welche Weise Kortisol seine gleichmacherische Wirkung entfaltet. Vielleicht liegt es daran, dass es Testosteron rein biologisch hemmt. Es könnte aber auch die psychologischn Wirkungen des Testosterons unterdrücken: Aggression, Machtstreben, Angstminderung und Risikobereitschaft.

Nun muss ich gestehen, dass ich die niedrige Anzahl der Testpersonen eher… so so lala finde. Aber wir können zu mindest eine Korrelation von Hormonmengen damit belegen (das in Kombination mit der Hormonverhütungsstudie, wo es auch um Testosteron ging).

Ich habe dann übrigens mal nachgeschaut was Kortisol sonst noch so macht und bin dabei auf etwas ganz Interessantes gestoßen. Der Kortisolwert steigt zum Beispiel bei Östrogentherapien, wenn jemand die „Pille“ (d.h. die Anti-Baby Pille; hormonelles Verhütungsmittel der Frau) nimmt oder in Schwangerschaften.

Nun ist für mich persönlich gerade ersteres besonders, sagen wir mal, nett zu wissen, da Frauen ja nunmal mehr Östrogen im Körper haben als Männer und Männer mehr Testosteron als Frauen. Ich habe keine Quelle gefunden, die einen unterschiedlichen Kortisolwert bei Männern und  Frauen ausgibt (wohl aber, dass der Kortisolwert schwankt, weil Kortisol in Schüben ausgegeben wird).

Wenn aber nun Kortisol, wie die Studie von Gary Sherman suggeriert Testosteron entgegenwirkt, dann wird die gleiche Menge Kortisol unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen haben. Nehmen wir an die Menge von Kortisol bei Männern und Frauen ist im Schnitt gleich. Diese Menge kann eine bestimmte Menge Testosteron neutralisieren. Jetzt haben Frauen aber im Schnitt weniger Testosteron als Männer  woraus folgt, dass die Restmenge Testosteron, die wirksam ist, bei Männern im Schnitt höher ist als bei Frauen. Woraus folgt, dass Männer im Schnitt häufiger „Aggression, Machtstreben, Angstminderung und Risikobereitschaft“ zeigen als Frauen.


All dies zusammengenommen belegt ziemlich eindeutig, dass Gender halt nicht nur ein soziales Konstrukt ist. Tatsächlich möchte ich provokant die Frage aufwerfen, ob der Prozentsatz der Beteiligung der sozialen Konstruktion an Gender im einstelligen Bereich zu finden ist – oder nur in Kommastellen nach der Null?



(*1) Ich benutze diese übertrieben gegender Schreibweise nicht um diese Menschen zu veräppeln. Ich wollte nur alle Special Snowflakes mit dem „*“ inkludieren.

(*2) Das kann ich jedoch nicht ausklamüsern. Immerhin haben Experten 4 Jahre gebraucht um das zu bearbeiten. Zitat: „and the last participant completed the study on May 30, 2012“.

(*3) Psychologie Heute 11/2016; S.54

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