Der Wert der weiblichen Sexualität

Ich habe diese Argumentation selbst schon einmal verwendet und auch oft gelesen, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger richtig erscheint mir die Argumentation. Die Rede ist vom Reproduktionsverhalten von Männern und Frauen.

Es ist, hoffe ich mal, bekannt, dass Männer und Frauen einen unterschiedlichen Einsatz bei dem Reproduktionprozess leisten müssen (*1). Während der Mann in ein paar Minuten ein paar Kalorien verbrennt und etwas Ejakulat abgibt und damit seinen notwendigen Soll am Reproduktionsprozess geleistet hat.

Eine Frau dagegen verbrennt nicht nur die Kalorien beim Sex sondern ist nachher 9 Monate damit beschäftigt (bei steigender Anstrengung) das Kind in sich heranwachsen zu lassen um dann unter großen Schmerzen das Kind zu gebären und anschließend mit einem Körper darzustehen, der sich ersteinmal wieder neu ordnen muss.

Wenn wir jetzt also betrachten, dass um 1850 rum die Kindersterblichkeitsrate bei ~50% lag, dann können wir postulieren, dass es in den Jahrtausenden davor eine ähnlich hohe, wenn nicht gar höhere, Kindersterblichkeitsrate gab. Nun ist eine Geburt natürlich kein Zuckerschlecken. Es kommt durchaus heute noch vor, dass eine Frau im Kindbett also bei oder kurz nach der Geburt – wegen der Geburt – stirbt. Auch heute noch, auch in Deutschland. Auch das dürfte in den vergangenen Jahrtausenden kaum besser gewesen sein.

Nun dürfte vielen Menschen bekannt sein, dass eine Hochschwangere sich auch nicht mehr so gut bewegen kann und auch Schmerzen hat. Dies ist heute oftmals eher eine lästige Sache und wir haben Mittel und wege gefunden die Schmerzen zu reduzieren und die Beweglichkeit ein Stück weit zu erhalten. Vor sagen wir mal 10 000 Jahren, konnte das aber lebensbedrohlich werden.

Fassen wir zusammen: Sowohl der Aufwand als auch die Gefahren bei der Reproduktion sind bei Frauen deutlich größer. Zudem kommt noch nachher das Stillen dazu und dass das Neugeborene viel Schutz und Zuwendung benötigt. Letzteres muss nicht zwangsläufig die Frau erledigen wurde aber oft.

Jetzt wird daraus geschlossen, dass es für eine Frau natürlich ungünstig ist, wenn sie mit einem Mann Sex hat, der genetisch einen niedrigen Standart hat, denn ein niedriger genetischer Standart heißt, dass diese Frau sich in eine potenziell lebensbedrohliche Situation bringt, für ein Kind, dass – auf Grund des genetischen Erbes – nur wenige Überlebenschancen hat.

Und soweit gehe ich noch absolut konform. Doch dann kommt das, woran ich immer mehr zweifele.

Weiter wird geschlussfolgert, dass, weil Frauen soviel in die Waagschale werfen, sie auch die Auswahl treffen.

Das ist tatsächlich heute so, dass Frauen eigentlich erwarten, dass sie angesprochen werden um dann zu entscheiden, ob es zu einem Kennenlernen kommt oder sogar zum Sex führt. Schaue ich mir aber andere soziale Säugetiere an (also Rudeltiere z.B.) , so geht es häufig darum, dass unter den Männchen die Rangordnung entschieden wird. Und wer da der Boss ist hat dann das alleinige „Recht“ auf die Weibchen. Nun kommt es zum Beispiel bei diversen Affenarten vor, dass auch weniger „qualifizierte“ Männchen durch Geschenke usw. die Aufmerksamkeit der Weibchen bekommen.

Nun unterscheiden wir uns natürlich auch von Affen ein großes Stück. Wir sind zwar Säugetiere aber wir zeichnen uns auch durch einen deutlich höheren Intellekt aus als Tiere, was uns von diesen im wesentlichen unterscheidet. Es ist also nicht 1 zu 1 übertragbar. Dennoch haben wir eine Evolution hinter uns, wie alle Lebewesen dieses Planeten. Wir waren einmal deutlich tierähnlicher. Deshalb ist es anzunehmen, dass wir uns in der Vergangenheit ähnlich verhalten haben. Die Männer kämpften untereinander darum, wer am stärksten ist und derjenige bekam die Weibchen. Wir sehen soetwas immernoch bei z.B. Harems oder auch darin, dass Männer mit hohem Status oftmals weniger Probleme haben Frauen abzubekommen als Männer mit einem niedrigeren Status.

Aber schauen wir in der Geschichte zurück. Die Ehe war eine monogame Institution (offiziell). Das hinterte zwar niemanden daran fremd zu gehen oder Mätressen und Liebhaber zu haben, aber es war grundlegend eine Monogame Angelegenheit und wenn man nicht die notwendige Macht hatte, konnte ein Übertreten der monogame Beziehung schwere Folgen haben. Diese Ehen waren auch nahezu nie Ehen aus Liebe sondern oftmals arangiert. Hier hatten oftmals weder Mann noch Frau ein Mitspracherecht, sondern die Eltern (meist der Vater) entschieden und handelten es aus. Ehen aus Liebe waren selten.

Das bringt mich zu der Schlussfolgerung, dass Frauen eben nicht die Auswahl getroffen haben. Das es evolutionär auch nicht der Fall ist, dass Frauen dei Auswahl trafen, sehr wohl aber, dass der weiblichen Sexualität – genauer: der weiblichen Reproduktionsfähigkeit – viel Wert beigemessen wurde.

Was auch Sinn macht. Ein (deutlich vereinfachtes) Rechenbeispiel:

  • Ein Mann kann 10 Mal am Tag ejakulieren.
  • Jeder Monat hat 30 Tage.
  • Die Schwangerschaft dauert exakt 9 Monate.
  • Weiter nehmen wir an, dass „jeder Schuss ein Treffer ist“

Bei diesen deutlich vereinfachten Annahmen würde sich ergeben, dass ein Mann sich 2700 Mal (9 x 30 x 10 =2700) reproduzieren könnte, in einer Zeit in der eine Frau sich einmal reproduziert. Womit natürlich ihre Reproduktionsfähigkeit deutlich mehr wert ist als seine. Die Tatsache, dass eine Frau nicht rund um die Uhr fruchtbar ist, sondern nur für einen kurzen Zeitraum im Monat gleicht das ganze auch nicht wirklich aus.

Natürlich ist das stark überdramatisiert, aber das ist theoretisch im Rahmen des Möglichen. Es zeigt aber auch, dass in einer äußerst gefährlichen Wedlt (wie der von vor 50 000 Jahren) der Verlust eines Weibchens/einer Frau ein großes Problem für die Sippe darstellen konnte. Weshalb es im Interesse aller war, die Frauen vor Leid und Tod zu beschützen. Man stelle sich vor, eine Sippe bestünde aus 5 Männern und 5 Frauen. Stirbt ein Mann können sich nur noch maximal vier Männer, aber immernoch 5 Frauen reproduzieren und es gibt 5 Nachkommen. Stirbt aber eine Frau, können sich nur noch vier Frauen (und nur noch maximal 4 Männer) reproduzieren und es gibt nur 4 Nachkommen. Frauen also unnötigen Gefahren auszusetzen hätte die Existenz der Sippe gefährdet.

Deshalb war es notwendig unter allen Umständen zu verhindern, dass sich Frauen in (zusätzliche) Gefahren begeben – auch gegen ihren Willen. Der Wert ihrer Sexualität ist einfach (evolutionstechnisch) zu wichtig.

Übrigens ist genau dieses „auch gegen ihren Willen“ der Grund, warum primär Frauen „Slut-Shaming“ betreiben. Also extrem promiskuitive Frauen als Schlampen bezeichnen. Männer tun dies zwar auch, aber meistens eher als eine generelle Beleidigung und nicht weil diese spezielle Frau die so genannt wird promiskuitiv ist.

 


 

(*1) Ich breche hier einige Dinge vom heutigen Stand (z.B. 9 Monate Schwangerschaft) auf einen Stand von vor mehreren tausend Jahren herunter. Das muss so nicht genau zutreffen, da ja auch Menschen eine Evolution durchmachen, aber die Deimensionen sind ähnlich. Ob eine Frau vor 50 000 Jahren nun neun Monate oder nur fünf oder sogar 18 Monate schwanger war, ist aber unerheblich für das Argument.

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10 Gedanken zu “Der Wert der weiblichen Sexualität

  1. 150 Jahre sind seit Charles Darwin vergangen, aber die sexuelle Selektion wird immer noch nicht verstanden und in ihrer Bedeutung wahrgenommen. Das ist tragisch. Mehr tun, als die Tatsachen in Büchern zu beschreiben, die dann ignoriert oder vorzugsweise ungelesen (oder unverstanden) verrissen werden, ist nicht möglich.
    Warum sind bei vielen Tierarten die Männchen bunt? Wieso hat der männliche Pfau das Gefieder?
    Wieso akzeptieren Weibchen erst das ranghöchste oder siegreiche Tier, obwohl auch andere auf sie zukommen?
    Die Antwort ist biologisch und evolutionär eindeutig. Gefühlt und gedeutet wird es nach wie vor falsch. Wer sich den Irrtümern nicht anschließt, wird mitsamt seinen Büchern verspottet.

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    • Ich zweifele ja auch gar nicht die sexuelle Selektion an. Ich zweifele an, dass es nur die Selektion der einzelnen Frauen ist.
      Unsere Gesellschaft selektiert fleißig mit und zur Not auch gegen den Willen der individuellen Frau.

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  2. Aber schauen wir in der Geschichte zurück. Die Ehe war eine monogame Institution (offiziell). Das hinterte zwar niemanden daran fremd zu gehen oder Mätressen und Liebhaber zu haben, aber es war grundlegend eine Monogame Angelegenheit und wenn man nicht die notwendige Macht hatte, konnte ein Übertreten der monogame Beziehung schwere Folgen haben. Diese Ehen waren auch nahezu nie Ehen aus Liebe sondern oftmals arangiert. Hier hatten oftmals weder Mann noch Frau ein Mitspracherecht, sondern die Eltern (meist der Vater) entschieden und handelten es aus. Ehen aus Liebe waren selten.

    Ich versuche hierzu mal ein paar Gedanken zu verfassen: Zuerst muss klar definiert sein, welcher Zeitraum betrachtet wird. Der entwicklungsgeschichtliche Startpunkt des Menschen (bzw. seiner Vorfahren) wird derzeit auf 2,8 Millionen Jahre vor unserer Zeit geschätzt. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen von Menschen (die wir gefunden haben) sind ca. 6600 v. Chr. entstanden. Hinweise auf erste Zivilisationen sind ca. 10.000 Jahre alt. Selbst wenn wir großzügig rechnen und davon ausgehen, dass es vielleicht schon vor 20.000 Jahren erste Zivilisationen gab, so ist dieser Zeitraum nahezu irrelevant, wenn es um die Frage der Reproduktionsmechanismen geht. Evolutionäre Verhaltensweisen in Bezug auf Partnerwahl hätten sich schon deutlich früher manifestiert, vermutlich bereits vor den Anfangs genannten 2,8 Millionen Jahren, da die geschlechtliche Fortpflanzung als solche schon viel länger existiert.

    Der nächste Punkt ist die Frage der Reproduktionsstrategien des Menschen. Die Fortpflanzung fand die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte polygyn statt, d.h. ein Mann mit hohem sozialen Status (meist: viele Ressourcen) hatte Sex mit vielen Frauen. Vor ca. 8000 Jahren war das im Verlauf der neolithischen Revolution sogar so extrem, dass für jeweils 17 Frauen, die ihre Gene weitergaben, nur ein Mann seine Gene weitergegeben hat (http://arstechnica.com/science/2015/03/neolithic-culture-may-have-kept-most-men-from-mating/).

    Die Einführung der Ehe war vermutlich eine Notwendigkeit der Zivilisation, um den Zusammenhalt der immer größer werdenden Gesellschaften zu fördern und vor allem, um Ressourcen an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Dadurch hatten mehr Männer die Möglichkeit durch ihren sozialen Status Frauen zu umwerben. Und auch wenn die Ehen arrangiert waren, so haben die Verantwortlichen (d.h. die Eltern) darauf geachtet, dass ihre Tochter nicht mit einem armen Schlucker verheiratet wird. Die Verfügbarkeit von Ressourcen spielte also immer eine Rolle für die Partnerwahl, egal von wem am Ende die Entscheidung getroffen wurde.

    Die Institution der Ehe verhindert bis heute nicht, dass eine polygyne (oder zumindest polygame) Fortpflanzung stattfindet. 😉 Das war in früheren Zeiten zwar stärker sanktioniert, hat es aber auch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verhindert.

    Schnell heruntergeschrieben, daher bitte kurz Rückmeldung geben, falls irgendwas unverständlich ist. Weiterführende Infos gibts in der Vorlesung von Robert Sapolsky (https://www.youtube.com/watch?v=LOY3QH_jOtE&index=15&list=PL150326949691B199).

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    • Das ist so ein anderer Ansatz um an den Punkt zu gelangen, den ich zu machen gedachte. Der Wert der weiblichen Sexualität ist wichtig.

      Das Frauen aber die Auswahl getroffen haben ist nicht zwangsläufig richtig. Denn das dominaten Männchen hat natürlich auch versucht die anderen Männchen von den Weibchen fern zu halten. Auch wenn diese Weibchen den Sex mit dem anderen Männchen wollten.
      Das hat eine derartige nicht-dominanter-Mann mit Frau Bewziehung zwar nicht unmöglich gemacht aber erheblich reduziert.

      Mein Punkt ist, dass der Wert der weiblichen Sexualität derartig hoch eingeschätzt wird, dass selbst gegen den Willen der individuellen Frau diese beschützt wird. Also zur Not auch vor der individuellen Frau.

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      • Das Frauen aber die Auswahl getroffen haben ist nicht zwangsläufig richtig.

        Na ja, das kommt auf die Betrachtungsweise an und damit driften wir in eine eher philosophische Diskussion ab. Nehmen wir doch einmal das Beispiel aus der neolithischen Revolution mit den 17 Frauen und dem einen Mann. Was bedeutet es in diesem Zusammenhang für die Frauen eine „Auswahl zu treffen“? Ist das eine bewusste und freie Entscheidung? Oder ist es sexuelle Anziehung aufgrund des hohen sozialen Status, d.h. unterbewusst und emotional? Oder war es eine faktische Notwendigkeit, weil dieser eine Mann ausreichend Ressourcen bereitstellen konnte, um die Frauen und den Nachwuchs zu versorgen?

        Vermutlich handelt es sich sogar um eine Mixtur aus allen drei Möglichkeiten und es wird schwierig diese auseinander zu dividieren.

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  3. Der Artikel baut leider eine falsche dichotomie auf: natürlich wählen beide Geschlechter, aber verschieden und nach anderen Kriterien, die evolutionären Kosten folgen. Frauen eher bereits bei Sex, weil sie da hohe Kosten haben, Männer sind wählerischer bei dauerhafter exklusiver Beziehung als bei Sex, weil sie da hohe Kosten haben. (Die haben nicht monogame Affen nicht, weswegen sich Unterschiede ergeben: weder männliche noch weibliche Affen müssen das einplanen)

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  4. Moin,
    mal ein paar Fragen zu folgendem Textabschnitt:
    „Jetzt wird daraus geschlossen, dass es für eine Frau natürlich ungünstig ist, wenn sie mit einem Mann Sex hat, der genetisch einen niedrigen Standart hat, denn ein niedriger genetischer Standart heißt, dass diese Frau sich in eine potenziell lebensbedrohliche Situation bringt, für ein Kind, dass – auf Grund des genetischen Erbes – nur wenige Überlebenschancen hat.“

    1.) Erkläre Begrifflichkeit „niedriger genetischer Standard“
    2.) In welcher wissenschaftlich bewiesener Norm, Regelung ist dies hinterlegt,
    was ist dann ein hoher genetischer Standard und wie misst man ihn?
    3.) In wieweit steigt die potenzielle lebensbedrohliche Situation (Faktor) einer Geburt unter dem Aspekt das beide Basenpaare hälftig am Erzeugnis beteiligt sind?
    4.) In wieweit erhöht sich z. B. die Todgeburtsrate (Faktor) bei einem Partner mit „genetisch niedrigem Standard“??
    5.) Mit welcher Biotech ermittelt die Frau den sog. „niedrigen genetischen Standard“
    Genomauszählung im Kopf vielleicht?
    5.) Is that true ? „Und soweit gehe ich noch absolut konform“
    Ist dieses Mitgehen nicht selektierend, inhuman, Rassenbereinigt?

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  5. Pingback: Lebenszeichen | stapelchipsblog

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