„Ich bin kein Kostüm!“ vs. „Kein Kostüm ist illegal!“

Sehr geehrte Frau Aleksandrova, sehr geehrte Frau Meder!
Ich bin über Twitter auf ihre Kampagne „Ich bin kein Kostüm!“ aufmerksam geworden und habe dort auch der Amedeu Antonio Stiftung und der Partei „Die Linke“ etwas dazu geschrieben.
Da ich aber noch einige Sachen ergänzen möchte (und auch etwas genauer ausformulieren möchte), nehme ich diesen Text als Grundlage.
Mit Schrecken habe ich ihre „Ich bin kein Kostüm!“- Kampagne mitbekommen. Sie geben an, dass die Intention dieser Kampagne ist, sich gegen Rassismus und gegen Transfeindlichkeit zu stellen. Ich denke, dass dies nicht der Fall ist – Im Gegenteil.
Man verkleidet sich an Karneval als etwas/jemand, was man toll findet. Die Verkleidung ist also eine Hommage oder Verbeugung an die entsprechenden Kreativen oder an die Kultur. Die Verkleidungen drücken Wertschätzung aus. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen über Leute gespottet wird. Wie zum Beispiel bei ihrem Plakat 2. Hier würde ich postulieren, dass die Üerson die sich so verkleidete über Suizidbomber spottete.
Nun muss ich aber feststellen, dass Sie diese Wertschätzung unterbinden wollen, weil sich ein paar Menschen dadurch auf den Schlips getreten fühlen. Stellen sie sich mal die Frage,wer so etwas nicht möchte. Wer möchte nicht, dass Leute aus einer anderen Kultur etwas aus der eigenen übernehmen. Wer möchte kulturellen Austausch unterbinden? Wer möchte seine Kultur „rein“ halten? Wir nennen solche Menschen im Volksmund Rassisten. Und das sind genau die Leute, deren Gefühle sie mit dieser Kampagne schützen wollen, indem sie dazu auffordern den kulturellen Austausch und die gegenseitige Wertschätzung zu unterbinden.
Sie schreiben ihrer Pressemitteilung: “ Europäer_innen benutz(t)en diese Bilder, um Ausbeutung und Unterdrückung von bestimmten Menschengruppen zu rechtfertigen. Dies ist den wenigsten Träger_innen der Kostüme bewusst.
Selbst wenn dem so ist, dass sie dazu benutzt wurden, heißt das nicht, dass die Menschen das heute noch tun bzw. in einer großen Mehrheit tun. In den Verkleidungen zu Karneval eine „Rechtfertigung zur Unterdrückung“ zu sehen, halte ich für extrem weit hergeholt. Glauben sie wirklich, dass die überwältigende Mehrheit der Feiernden Unterdrückung mit ihren Kostümen rechtfertigen will? Ich wage das anzuzweifeln. Deshalb frage ich mich, was diese historische Anekdote mit unserer heutigen Zeit zu tun haben soll.
Die Zeit des Kolonialismus und der sogenannten „Entdeckungen“, die mit Massenmorden und anderen Gräueltaten einhergingen, wird bislang nicht ausreichend aufgearbeitet. “ Ich finde es, vorsichtig ausgedrückt, reichlich unpassend, dass sie Karneval und Karnevalskostüme mit Massenmorden und anderen Gräultaten verbinden.
Sie schreiben weiter: “ Das sog. „Indianderkostüm“ und andere diskriminierende und teils romantisierende Bilder bestimmter Gruppen geben die Älteren so immer wieder an die nächste Generation weiter.
In wie fern ist ein Indianerkostüm diskriminierend? Warum sollte romantisieren etwas Schlechtes sein? Natürlich verstehe ich, dass eine akkurate Darstellung der Fakten zur Wissensbildung wichtig ist. Aber wer meint, dass es im Karneval darum geht, hat das Prinzip von Karneval nicht verstanden. Was mich ehrlich gesagt ziemlich wundert, denn ich kenne niemanden, der – angefangen von kleinen Kindern, die gerade erst gelernt haben sich entsprechend zu artikulieren, bis hin zu Senioren, die im Begriff sind diese Fähigkeit zu verlieren – glaubt, dass es beim Karneval um Faktendarstellung geht. Wenn allein der Karneval das Bild des Indianers im Kopf des Kindes prägt, dann haben wir ein ganz anderes Problem. Sowohl bildungspolitisch als auch innerhalb der Familie.
Auch Menschen, die sich als Trans_Frauen*, im Karneval verkleiden, sind sich der stigmatisierenden Wirkung ihrer Kostümierungen wohl in den seltensten Fällen bewusst. Die Kostüme stärken Stereotype, die Ungleichbehandlungen rechtfertigen, jedes Jahr aufs Neue.
In wiefern werden Trans_Frauen* stigmatisiert. Welche Stereotype werden gestärkt und vor allem, wie werden dadurch Ungleichbehandlungen gerechtfertigt?
Eine Studierendengruppe of Color aus Ohio entschied sich aus diesem Grunde, eine Plakatkampagne zu initiieren. Die Kampagne soll Menschen dafür sensibilisieren, dass die Bilder, die die Kostüme wiederaufgreifen und sie zu „den Anderen“ machen, ihr Leben nachhaltig negativ beeinflussen und nicht „okay“ sind.
Das ist eine etwas merkwürdige Auffassung. Denn das heutige Indianerkostüm hat wohl kaum etwas mit den heutigen Indianern zu tun, die auf die Universität gehen. Daher werden diese auch wohl kaum zu „den Anderen“ gemacht. Drehen wir mal den Spieß um. Ich fühle mich nicht zu „dem Anderen gemacht“, wenn auf einer Kostümparty in Großbritannien, Prinz Harry als Nazi rumläuft. Ich habe mich auch nicht zu „dem Anderen“ gemacht gefühlt, als ich in den Niederlanden auf Karneval mit einer Schwarzen getanzt habe, die sich als Deutschritterin verkleidet hatte.
Dies kann Dich eigentlich nur in zwei Möglichkeiten negativ beeinflussen: 1. Wenn Du Dich für Deine Kultur/Nationalität/Hautfarbe schämst (wofür die Person, die sich verkleidet nichts kann – das ist DEIN Problem), oder 2. Wenn Du nicht willst, dass andere etwas aus Deiner Kultur[…] übernehmen, sich mit Deiner Kultur[…] auseinander setzen, oder Du Deine Kultur als zu erhaben ansiehst um sie durch Andere vereinfacht dargestellt zu sehen. Wie oben schon gesagt, die im Volksmund „Rassisten“ genannten Menschen.
Für die Betroffenen sind alltagsrassistische und diskriminierende Erfahrungen weder harmlos noch witzig. “ Karnevalskostüme sind nicht rassistisch und nicht diskriminierend. Die Intention dahinter kann (!) das sein, muss(!) es aber nicht. Menschen die ein entsprechend angeprangertes Kostüm tragen mit Rassismus, Diskriminierung, Massenmord und anderen Gräueltaten, Transfeindlichkeit und „Rechtfertigung zum Unterdrücken“ in Verbindung zu bringen ist absolut geschmacklos.
Der kulturelle Austausch und die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen wird so, wenn überhaupt, nur einseitig von Statten gehen. Wir sollen nichts aus fremden Kultur übernehmen, uns nicht mit diesen auseinadersetzen. Andersherum scheint dies aber in Ordnung zu sein. Ich habe zum Beispiel kein Plakat gesehen, in dem ein Schwarzer zu sehen ist, der sich weiß anmalt. Oder ein türkischstämmiger, der sich als Wikinger verkleidet. In manchen Kreisen würde diese Einseitigkeit als eine Form der „Kolonialisierung“ verstanden werden. In anderen Kreisen würde man schreien „Gegen die X-isierung des Abendlandes!“ Bitte stoppen sie ihre Kampagne, so dass ein kultureller Austausch zwischen den Kulturen weitergehen kann und wir aktiv und passiv gegen Rassismus ein Zeichen setzen können. Unterstützen sie keine Rassisten.
Mit freundlichem Gruß
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Der Gender Pay Gap

Auf Alles Evolution gab es am 3. Februar 2017 einen Beitrag zum Gender Pay Gap.  Dazu sind mir ein zwei Gedanken gekommen, ich hatte sie aber nicht verschriftlicht, weil Zeit.

Ähnlich ging es mir bei einem Beitrag von Asemann am 25.1.2017. Dort habe ich immerhin noch angekündigt, dass ich dazu noch etwas schreiben würde und habe zwei-drei Anmerkungen verfasst.

Was mich jetzt dazu bewegt zuschreiben ist – mal wieder – Twitter.

Nun gab es natürlich direkt wieder Menschen (wie mich), die das Bundesministerium für feminist sucial fucking justice auf die kleinen aber feinen Unzulänglichkeiten in diesem Themenkomplex hinwieß.

Und jetzt kommt der Knaller. Das BMFSFJ hat ein PDF veröffentlicht, in dem folgendes zu lesen ist (Seite 3) :

Der Wert kann als Obergrenze interpretiert werden, da der bereinigte Gender Pay Gap möglicherweise geringer ausfallen würde, wenn weitere lohnrelevante Eigenschaften – wie etwa Angaben zum tatsächlichen Ausmaß der Berufserfahrung und der Erwerbsunterbrechungen – im Rahmen der Analysen zur Verfügung gestanden hätten.
Also erstmal nichts mit „durchschnittlich 7%“. Laut BMFSFJ selbst ist 7% eine Obergrenze.
Und dann folgt auch noch zwei mögliche Erklärungen, nämlich
– das tatsächliche Ausmaß der Berufserfahrung
– Erwerbsunterbrechungen
die bei der Analyse NICHT berücksichtigt wurden, weil nicht bekannt. Aber unerheblich sind die bestimmt nicht.
Aber es kommt noch traumhafter, die Leute von der „Equal Pay Day“ Initiative (die interessanterweise vom BMFSFJ mit-initiiert wurde) schreiben auf ihrer Equal Pay Day Wiki:
Danach bleiben, nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, noch 7 Prozent Verdienstunterschied bestehen – von Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiographien. Aber auch hier können nicht alle Ursachen, wie z.B. Erwerbsunterbrechungen und Elternzeiten oder die individuelle Verhandlungsstärke, berücksichtigt werden
Erwerbsunterbrechungen und Elternzeiten gehören demnach nicht zu den Erwerbsbiographien – was man ja eigentlich annehmen sollte – und das individuelle Verhandlungsgeschick wird auch als möglicher Grund genannt.
Wenn man diese Sachen zu Grunde legt, dann muss der GPG noch deutlich weiter einschrumpfen, wenn nicht gar auf Null sinken. Aber was würde passieren, wenn sich der Gehaltsunterschied in die andere Richtung öffnen würde, wenn man diese Faktoren betrachtet?

Kommen wir zu den Gedanken, die mir bei Asemann gekommen sind. Dort wurde die Seite des Statistischen Bundesamtes verlinkt. Wer behauptet, dass der unbereinigte Gender Pay Gap auf Diskriminierung beruht, der soll mir Folgendes erklären:
In den Wirtschaftszweigen „Wasserversorgung; Abwasser- und Abfallentsorgung und Beseiti­gung von Umweltverschmutzungen“ (1 %) sowie „Verkehr und Lagerei“ (5 %) fiel der Gender Pay Gap relativ gering aus.
Wie kann es sein, dass in massiv männerdominierten Wirtschaftszweigen der GPG so gering ist, während
Auch im Gesundheits- und Sozialwe­sen, wo traditionell Frauen stärker vertreten sind als Männer, [die] Verdienstunterschiede mit 23 % relativ hoch [waren].
Wenn wir eine flächendeckend sexistische Gesellschaft wären, die gegen Frauen diskriminiert , dann müsste der GPG doch in männerdominierten Berufen recht groß ausfallen oder? Und nein, liebes Bundesamt für Statistik, „Hier waren allerdings nur wenige Frauen beschäftigt.“ ist kein Argument, da es sich um durchschnittliche Stundenlöhne handelt.
Wer meint, dass der unbereinigte GPG auf Diskriminierung gegen Frauen beruht muss erklären, warum in  der“ „Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftli­chen und technischen Dienstleistungen“ (32 %)“ der GPG am größten ist, da wo die Leute selbst für ihr Einkommen verantwortlich sind.

Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht eine mögliche Antwort zu mindestens einer Sache hätte. Der GPG im Gesundheits- und Sozialwesen.

Ich hatte schon an zwei Stellen (1, 2) beschrieben, dass in diesem Bereich tatsächlich gegen Frauen diskriminiert wird – und das es dafür nachvollziehbare Gründe gibt.

Nun ist es so, dass es für meine Branche keine bindenden Tarifverträge gibt. Die Caritas AVR ist an den TVöD angelehnt und ist damit auch der vergoldete Bentley unter den Arbeitgebern. Andere Arbeitgeber in meiner Branche handeln die Löhne individuell aus oder haben einrichtungsinterne Rahmenverträge. Doch wie hängt das zusammen?

Man stelle sich vor, dass mich alle Arbeitgeber haben wollen, weil ich ein Mann bin (siehe Link 1). Ich habe also die freie Auswahl an Arbeitsplätzen. Und ich wähle natürlich – wer würde es nicht tun – den Arbeitgeber, der mir finanziell am meisten gibt (ganz zu schweigen von den anderen Möglichkeiten, die ein so großer Arbeitgeber bietet). Das heißt aber auch, dass der Caritasverband überproportional viele Männer anzieht, während die schlechter bezahlenden Einrichtungen ihre Lücken mit Frauen auffüllen müssen. All diese Firmen bezahlen zwar ihren weiblichen Arbeitnehmer genausoviel wie ihren männlichen (also keine Lohndiskriminierung), aber im Durchschnitt der Branche kommt es dann zu diesem Effekt.