Berliner Sexismus

Einen wunderschönen guten Tag mal wieder!

Ich bin heute über einen Artikel des Tagesspiegels gestolpert…
(… worden durch Tamara Wernli) (Archiv)

Diesen möchte ich nur bedingt Stück für Stück zerpflücken, aber er bietet einfach alle Stichpunkte, die man benötigt um „das Verbieten von sexistischer Plakatwerbung“ zu besprechen.

Anlass des Artikels ist, dass in der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD, Linken und Grünen Berlins steht: „In der aktuellen Ausschreibung von Werberechten des Landes Berlin wird der Ausschluss von sexistischer Werbung und diskriminierenden Inhalten eine harte Vergabebedingung. Auf privaten Werbeflächen wird die Koalition diskriminierende Werbung durch Einrichtung eines Expert*innengremiums prüfen und verhindern.“ (S. 101)

Gegen Sexismus und Diskriminierung einzutreten ist natürlich ein heheres Ziel. Warum sollte man dies also hinterfragen?

1.: Es soll die Freiheit von Menschen eingeschränkt werden, kreative Werke zu schaffen [*1] und zu veröffentlichen.

2.: Weil es in einem Koalitionsvertrag drin steht.

Zuersteinmal beginnt der Artikel mit folgender Aussage:

Spärlich bekleidete Frauen auf Werbeplakaten werden von Berliner Politikern schon seit Jahren nicht gern gesehen.

Auch in den beiden verlinkten Artikeln geht es ausschließlich um Sexismus gegen Frauen. Und auch der oben verlinkte Koalitionsvertrag spricht über Sexismus wie folgt:

Sexismus beginnt mit einem herabwürdigen Bild von Frauen
und LSBTTIQ*, das in vielen Bereichen des Alltags vermittelt wird.

Diese Definition und Sichtweise auf Sexismus ist falsch. Beginnen wir ganz entspannt mit der Google-Definition:

Se·xịs·mus
Substantiv [der]
Bezeichnung für alle Formen der Unterdrückung und der Benachteiligungen aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit.

Oder, etwas handfester, die Duden-Definition:

  1. <ohne Plural> Vorstellung, nach der ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts
  2. etwas, was auf Sexismus (1) beruht, sexistische Verhaltensweise

Auch wenn hier von „besonders der Frauen“ gesprochen wird, steht hier nichts von ‚ausschließlich Frauen‘.


 

Doch das ist natürlich relativ uninteressant. Sollen sie das Wort doch falsch bzw. einseitig benutzen bzw. sollen diese Regelungen aus einem einseitigen GRUND entstehen – mir egal. Die AUSFÜHRUNG muss natürlich geschlechtsneutral sein. D.h. selbst wenn die Intention ist Frauen „zu schützen“, muss das Durchführung in gleichem Maße natürlich auch Männer schützen.

Warum mich diese Art und Weise dennoch stört? Weil ich das Gefühl habe, dass die Menschen, die auf diesem Weg sind weder das Wesen von Werbung verstehen, noch Frauen als Menschen wertschätzen, noch die Freiheit der Menschen schätzen, noch Sexualität.

Dies mag jedes einzelne für sich schon weit hergeholt klingen, aber alles zusammen ist natürlich schon eine nahazu unverschämte Äußerung. Deshalb muss ich erklären wie ich dazu komme.


 

Das Wesen der Werbung

Werbung ist dafür da, dass ein Produkt, eine Marke, eine Organisation oder ähnliches bekannt gemacht wird. Dadurch soll das Produkt /die Produkte der Marke besser verkauft werden, die Organisation soll Zulauf bekommen usw. . Wahlplakate im Wahlkampf sind letztendlich auch nichts anderes als Werbung für die Partei.

Es geht bei Werbung also darum möglichst positive Informationen an potenzielle Käufer / Wähler/ Nutzer zu bringen. Sei es um klar darzulegen, warum man dieses Produkt braucht oder um das Produkt mit etwas Positivem zu verbinden (wie z.B. Humor, Erotik oder Ästhetik). Dabei muss nicht einmal die Realität abgebildet werden. Man kann der Wahrheit durchaus Spielraum geben bzw. sachzwangreduzierte Ehrlichkeiten verbreiten. Da es hier vornehmlich um Produktwerbung geht, möchte ich der Einfachheit halber beim „Produkt“ bleiben.

Dennoch liegt der Fokus der Koalitionsvertragsparteien auf Diskriminierung, Herabwürdigung, Sexismus und all die anderen negativen Begriffe.

Doch ist ein ansprechendes, d.h. schönes, Äußeres denn etwas Schlimmes? Ist es eine Herabwürdigung? Wohl eher nicht. Und ich höre sie schon schreien: „Aber die Frauen werden auf ihre Äußerlichkeit reduziert! Das IST Herabwürdigung!“

Wie zum Geier soll man auf einem Plakat, einem nicht beweglichen Bild, mehr als nur visuelle Reize setzen? Natürlich kann ich ganz viele tolle Sachen schreiben, in einer Sprechblase, in der die Frau eloquent das Produkt beschreibt, aber mal ehrlich: Wer bleibt den stehen um sich sowas durchzulesen? Selbst wenn einen das Produkt tatsächlich interessiert. Nein, die Werbung muss schnell erfasst sein und die Aufmerksamkeit erregen. Gleichzeitig muss es in dieser kurzen Zeit (wir sprechen hier von Sekundenbruchteilen) mit etwas Positivem in Verbindung gebracht werden.

Das hier mehrheitlich kein schöner Mann, sondern eine schöne Frau verwendet wird ist ein klares Zeichen für den hohen Status von Frauen in unserer Gesellschaft und nicht für deren Herabwürdigung oder Diskriminierung (in Form von Benachteiligung).


 

Die Wertschätzung von Frauen

Einen Teil der mangelnden Wertschätzung von Frauen habe ich in den vorherigen Absätzen beschrieben, ich möchte aber noch konkreter werden.

In einem langen Kriterienkatalog listen die Linken auf, wann Werbung unzulässig sein soll – zum Beispiel, wenn Frauen zwar als schön dargestellt werden, aber zugleich als „(willens)schwach, hysterisch, dumm, unzurechnungsfähig, naiv, ausschließlich emotionsgesteuert etc.“

Zur Wertschätzung eines Menschen gehört auch, dass man auch seine negativen Seiten akzeptiert. Und Frauen können (willens)schwach, hysterisch… was auch immer sein. Sowohl temporär als auch als wesentlicher Charakterzug. Wie dies übrigens auch bei Männern der Fall ist. Daran ist absolut nichts sexistisch. Was hier gefordert wird ist, dass eine Frau immer entweder als absolutes Idealwesen (schön und ohne Charakterfehler) oder als absolutes Mängelwesen (nicht schön mit Charakterfehlern) dargestellt wird. Frauen mit Nuancen – also als Menschen – darstellen? Fehlanzeige.

Gerade im Bezug auf

Menschen aufgrund ihres Geschlechts […] herabwürdigt

bekommt dies ein besonderes Geschmäckle.

Denn offensichtlich will die Linksfraktion Frauen nicht als absoluten Mängelwesen auf Plakaten sehen, sondern nur als Idealwesen. Abweichungen davon wären eine Herabwürdigung des Idealwesens. Frauen als Frauen mit positiven wie negativen Attributen wertschätzen? Nicht mit der Linksfraktion Charlottenburg-Wilmersdorf.

[*2]

Hinzu kommen noch weitere Dinge, die nicht nur das Dargestellte betreffen, sondern die Models, Mitarbeiterinnen der Werbeindustrie und natürlich auch die Betrachterinnen dieser Werbung.

Das Model und die Mitarbeiterinnen der Werbeindustire haben sich dafür entschieden an einer solchen Werbekampagne mitzuwirken. Das Model möchte sich so zeigen, fühlt sich möglicherweise sogar „empowered“. Lebt einen Teil ihrer Sexualität aus. Die Mitarbeiterinnen gehen ihrem Beruf nach, können sich künstlerisch entfalten, treffen möglicherweise sogar die Entscheidungen zu einer solchen Kampagne und wirken am Endprodukt mit. Diese Entscheidung wird von den Anti-Sexy-Werbung Leuten (wie z.B. auch pinkstinks) als herabwürdigend, sexistisch und diskriminierend herabgewürdigt. Eine Wertschätzung der individuellen Entscheidungen, Wünsche und Bedürfnisse dieser Frauen wird nicht vorgenommen – leider eher im Gegenteil.

Zu guter Letzt noch die potenziellen Kundinnen. Was für eine abgrundtief niedrige Meinung muss man eigentlich von Frauen haben, wenn man unterstellt, dass diese Werbung nicht als Werbung verstehen, sondern als Realitätsbeschreibung.
Ich meine: Allen ist klar, dass die Werbung nicht die Realität wiederspiegelt. Allen ist klar, dass die Werbung eben werben soll. Allen ist klar, dass für eine Werbung oft ins „Extrem“ gegangen wird. Sei es nun in der Farbwahl, der Schönheit, der Erotik, der dargestellten Szene… Die Werbenden wollen Aufmerksamkeit erregen.
Das versteht doch – eigentlich – jeder. Doch das möchten die Koalitionspartner Frauen nicht zugestehen.


 

Die Freiheit der Menschen

Menschen genießen diverse Freiheitsrechte. Zum Beispiel dürfen sich Menschen informieren und andere informieren. Sie dürfen miteinander kommunizieren (egal ob durch Worte, Körpersprache, Schriften, Bilder usw.). Sie dürfen sich versammeln, Meinungen haben, austauschen und entwickeln. Sie dürfen Kunst schaffen und verbreiten. Sie haben freie Berufswahl und Vertragsfreiheit. Sie haben das Recht als unschuldig zu gelten, bis zum Beweis der Schuld usw.

Viele dieser Rechte sind hier uninteressant. Andere hingegen schon. Ich habe das Recht ein Produkt oder eine Dienstleistung anzubieten. Ich habe das Recht Menschen zu suchen, die ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten. Dabei müsen natürlich Produkt und Dienstleistung legal sein. Ist es illegal dumm zu sein? Schön zu sein? Schön und dumm zu sein? Fotos zu machen? Fotos von sich machen zu lassen? Als schöner, dummer Mensch Fotos von sich machen zu lassen, um dadurch Geld zu erhalten? Nein, ist es nicht.

Es ist absolut legal. Es gibt auch keinen Grund dies zu verbieten. Es wird kein schützenswertes Rechtsgut angegriffen. Gegen Frauen wird weder diskrimminiert noch werden sie in ihrer Würde als Menschen verletzt (s.o.). Kein Mensch wird verletzt oder geschädigt.

Solche Werbung würde das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, Informationsfreiheit und freie Berufswahl einschränken.

-> #HerBodyHerChoice


 

Die Sexualität

Habe ich schon an mehreren Stellen angeschnitten, deshalb zusammengefasst: Solche Werbung zu verbieten würde bedeuten Frauen, die so ihre Sexualität ausleben wollen, den Weg zu versperren, sich so ausleben zu können.

Dazu noch eine Frage: Wie prüde muss man eigentlich sein?


[*1] Ich habe bewusst nicht „Kunst“ geschrieben, weil Werbung zwar durchaus künstlerische Elemente besitzt, sogar Kunst sein kann, aber nicht muss.

[*2] Es scheint als würde dieser Teil dem Teil „Wesen der Werbung“ widersprechen. Doch handelt es sich um Chronologisch unterschiedliche Bedingungen. Erst muss man die Aufmerksamkeit bekommen, danach können die Details analysiert werden. Jedoch geschieht auch das meist nur im Vorbeigehen, weshalb auch Details einfach und überschaubar sein müssen.

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