Bewunderung = Sexismus

An der Alice Salomon Hochschule ist ein Gedicht angebracht worden, über das sich die AStA beschwert. (Archiv)

Downdate:-) : Diese Beschwerde ist 2016 eingangen und hat mittlerweile seine Folgen gehabt. Dennoch möchte ich meine Meinung zu diesem offenen Brief auch über ein Jahr später noch kund tun.

3f6fd4b6e15259b1e6aaac5a9348208cce2b2d75

Übersetzung (auf Wunsch aus den Kommentaren):

„Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

 

In meine Überschrift und meinem dazugehörigen Tweet, hatte ich noch „Sinn für Ästhetik“ stehen gehabt. Allerdings habe ich mich eines Besseren besonnen. Wer so einen trivialen und einfallslosen Text schreibt, hat mit Sicherheit keinen Sinn für Ästhetik. Und wer das auch noch mit einem Preis würdigt…

Selbst mein Gedicht über Heiko Maas ist sowohl linguistisch als auch intellektuell anspruchsvoller als dieses Machwerk. Und von der Ästhetik wollen wir mal gar nicht anfangen. Aber sind wir ehrlich: Der Maßstab ist auch wirklich niedrig angesetzt.

Es geht aber in der Tat nicht um eine künstlerische oder handwerkliche Beschwerde, sondern darum, dass dieses Gedicht totaaaal schlimm ist:

Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, […]

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind […]“. Und ich dachte immer, dass man, um an einer Hochschule zu lernen, des Lesens mächtig sein müsse. Also „Lesen und Verstehen“ versteht sich. Textanalyse und so. Realschule 6. Klasse.

Nirgendwo in dem Gedicht steht, das

1.: Frauen ausschließlich dazu da sind als Musen zu dienen. Tatsächlich steht nichts darüber, dass Frauen inspirieren. Da steht nur, dass dort Frauen sind und ein Bewunderer.

2.: Nirgendwo erwähnt der Autor, dass die dortigen Frauen schön sind. Der Autor beschreibt einen Bewunderer von Frauen (und Blumen und Alleen) vollkommen losgelöst von Attributen.

es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Wie bitte? Wie das denn? Da ist ein Bewunderer, Frauen (plural) und es wird keine einzige Handlung beschrieben, außer das Bewundern. Wie zum Geier kommt man da auf sexuelle Belästigungen?

Geneigte Leserinnen und Leser, verzeihen Sie mir die Polemik, aber wie krank im Kopf muss man eigentlich sein, um aus diesem Gedicht irgendetwas mit sexuellen Belästigungen herbei zu fantasieren.

An der Strahlkraft des Kunstwerkes zweifeln wir keinesfalls, scheint es doch thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit.

Oder die Schönheit der Natur (Blumen), das ästhetische Zusammenspiel aus Zivilisation und Natur bzw. totem Material und Leben (Alleen) und [attributfrei, da ich ja sonst ein widerlicher Sexist wäre. Aber wenn hier eins stehen würde, würden nicht-geistig-durchgeknallte es als ein positives Attribut bezeichnen] Frauen.

Aber viel wichtiger ist die Frage, inwiefern er denn die Frauen objektiviert. Klar, grammatisch sind sie das Objekt, denn sie werden bewundert. Aber wo spricht er ihnen denn Subjektivität ab? Wo spricht er ihnen ab, selbst handlungsfähig zu sein?

Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

That escalated quickly. Also nur um das nochmal in eigenen Worten niederzuschreiben.

Jemand bewundert euch wegen eurer Weiblichkeit. Das ist euch unangenehm (Komplimente können einen Verlegen machen, aber sind eigentlich was Positives). Und deshalb könnt ihr euch nicht in die Öffentlichkeit begeben. Weil ihr Angst vor Übergriffen habt (ob begründet oder nicht) und es zu tatsächlichen Übergriffen kommt. Bemerkenswert finde ich bei dieser Aufzählung wo das erste Komma steht. Vergleiche:

[Original]: Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

[Verändert]: Eine Bewunderung die häufig, unangenehm ist, […] zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

Warum bemerkenswert? Weil in der veränderten Variante unangenehm, Angst und das konkrete Erleben alle häufig vorkommen, im Original aber nur das Unangenehme häufig vorkommt und die Angst und das konkrete Erleben immer. Bei aller Liebe und bei allem Verständnis für die Sorge um die eigene Unversehrtheit, aber kann es vielleicht sein – nur gaaaanz vielleicht – dass ihr massivst übertreibt. Ich meine, selbst meine veränderte Variante, die noch eine Abmilderung zum Original ist, wäre schon extrem übertrieben. Es steckt nicht hinter jeder Ecke ein/e Sexualstraftäter*in.

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können.

Seit wann haben Frauen (und auch Männer) das Recht sich immer wohl zu fühlen? Warum sollten sie sich immer wohl fühlen? Wenn Du Scheiße baust, dann musst du damit rechnen, dass Dich jemand dafür anpampt. Zu Recht möchte ich anmerken. Und Sinn der Sache ist, dass Du Dich damit nicht wohl fühlst. Was für eine Anspruchshaltung ist es eigentlich, „sich immer wohl fühlen zu können“?

Übrigens. Finden Sie es nicht eigentlich übelst abwertend gegenüber Männern (sprich: sexistisch), dass sie männlich dominierte Bereiche als eine Bedrohung aufbauen?

 Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

„potentiell übergriffige […] Blicke“. Ok. Ihr habt nicht mehr alle Tassen im Schrank. Nein wirklich. Ihr seid absolut durchgeknallte Irre. Ihr redet den ganzen Text über von konkreten Erlebnissen sexueller Übergriffe, von der Angst vor selbigen, von bedrohlichen Situationen und jetzt stellt sich heraus, dass ihr damit POTENTIELL ÜBERGRIFFIGE BLICKE meint? Ihr habt Angst vor Blicken, die möglicherweise wie-auch-immer übergriffig sind? Es kommt also zu keinem Kontakt, weder physisch noch verbal? Es schaut euch lediglich jemand an und das ist euer Grund so ein Fass aufzumachen? Man sollte euch von der Hochschule schmeißen.

Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern.

Nein, aber ihr fühlt euch ja auch schon unsicher, wenn euch jemand anguckt. Für euch kommt jede Hilfe zu spät. Alles was man versuchen würde um euch zu helfen ist Verschwendung. Zeit, Geld und Emotionen sollten lieber denen zu Gute kommen, für die nicht alle Hoffnung verloren ist und vor allem denen, die es verdienen.

Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Nein, es wäre lediglich ein „Erfolg“ der euer kaum vorhandenes Ego streicheln würde, euer Selbstbewusstsein kurzfristig anheben würde, bis wieder so ein mörderisches, animalisches, nagetierartiges Nazischwein (kurz: manN) euch anblickt.

Und es wäre Zensur. Schonmal was von Kunstfreiheit gehört?

Aus diesen Gründen fordern wir folgendes:
Einen Blick nicht aushalten können, aber dann was fordern… Wie nutzlos seid ihr eigentlich? Wenn überhaupt könnt ihr die Leute bitten.
  1. eine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde

Ich. Um euch zu triggern.

Spaß Beiseite: Würde ich auch gerne wissen. Diese Person/en sollte/n dringenst ihre Aufgabe an Leute mit Kunstverständnis abgeben.

2. die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung im Akademischen Senat zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Wir würden es begrüßen, wenn zu dieser Sitzung alle Unterzeichnerinnen des Briefes eingeladen werden.

Aber immer drauf achten, die Unterzeichnerinnen nicht anzugucken. Sie könnten diese potentiell übergriffig ansehen.

Übrigens finde ich auch, dass sie die Gedichts-Entfernung thematisieren sollten. Als ein bisschen Aufheiterung zum Schluss, während sie diesen offenen Brief vorlesen. Am Besten machen sie davon ein Video und stellen es online. Wie sich der versammelte akademische Senat über die Unterzeichnerinnen lustig macht. Und dann zum Schluss wird die Namensliste vorgelesen und dann gesagt: „Alle oben genannten Personen werden wegen absoluter geistiger Unreife vom Hochschulbetrieb an der Alice Salomon Hochschule ausgeschlossen.“ (Möglicherweise sollten sie in dem veröffentlichten Video die Namen aber rausschneiden, wir wollen ja keinen Pranger.)

Unsere Forderungen stellen wir nicht nur als Frauen*, sondern vor allem auch als Studierende einer „Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch[, die] dem gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Gerechtigkeit und kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet“

Sehr emanzipiert. „WÄÄÄÄÄÄH, da hat mich mal wer potentiell übergriffig angeguckt. WÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHH, dieses Gedicht erinnert mich daran. WÄÄÄÄÄÄÄHHHHH ändert das!“ *mit Fuß aufstampf*

Wenn irgendjemand der Emanzipation der Frauen im Weg steht, dann sind es die Unterzeichnerinnen dieses offenen Briefes.

 

Update: Ich habe gemäß des Aufrufes in der FAZ mich selbst künstlerisch versucht.

DHcsXnkXoAIw7Ma.jpg large

Advertisements