Schuldzuweisungen und Risikominimierungen

Ich habe auf Achgut.com den Artikel „Vergewaltigung – Opfer ohne Lobby“ (Archiv) gelesen, der im Original hier (Archiv) erschienen ist. Diesen Artikel finde ich weitestgehend ziemlich gut, bis auf zwei Sachen. Ansonsten möchte ich für diesen Artikel eine Leseempfehlung aussprechen.

Das könnte einem selbst nicht passieren, weil man doch nicht um diese Zeit an diesem Ort sein würde. Dann erreicht einen die nächste Meldung eines gewalttätigen, sexuellen Übergriffes auf eine Seniorin auf einem Friedhof am helllichten Tag, oder am Bankautomaten, oder vormittags auf dem Weg in den Gottesdienst, oder beim Walken auf einem ländlichen Fahrradweg in der Mittagszeit oder an der eigenen Haustür, wo das Opfer im Hausflur vergewaltigt wird – von einem Fremden in gewohnter Umgebung. Müssen da nicht zwangsläufig Zweifel an der eigenen Einschätzung aufkommen? Ja, das Thema betrifft jede Frau, sie kann

prinzipiell überall und zu jeder Zeit zum Opfer werden.

Das ist prinzipiell richtig gesagt. Prinzipiell kann jede Frau zu jeder Zeit zum Opfer [eines gewalttätigen, sexuellen Übergriffes] werden. Genau wie das bei jedem Hund, jeder Katze, jedem Mann, jedem Kind und jedem Baum der Fall ist.

PRINZIPIELL ist das so. Das heißt nicht, dass hinter jeder Ecke ein/e Vergewaltiger/in steckt. Das in jedem Flur jemand ist, der auch nur daran denkt dich zu begrabschen. Das an jedem Bankautomaten jemand ist, der dir die Kleidung vom Leib reißt.

Hier statistische Wahrscheinlichkeitswerte anzuführen, erweckt den Verdacht, das
Thema zu scheuen und sich nicht mit dem latenten Bedrohungspotenzial auseinandersetzen zu wollen.

Sie nicht anzuführen weckt den Verdacht Angst schüren zu wollen.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Neben meiner Wohnung steht ein großer Baum. Schon seit über 40 Jahren steht der da. Es stürmt gerade. Der Baum könnte abknicken und auf meine Wohnung stürzen. Dieses latente Bedrohungspotential ist da. Mein Kühlschrank ist schon relativ alt, es könnte einen technischen Defekt geben und meine Wohnung könnte abbrennen. Wenn ich die Wohnung verlasse könnte mir jemand das Portemonaie klauen. Wenn ich am Straßenverkehr teilnehme könnte es sein, dass mich jemand (absichtlich oder aus versehen) umfährt. Es kann passieren, dass ich Schwimmen gehe, einen Krampf bekomme und ertrinke. Es kann passieren, dass ich mich beim Essen verschlucke und ersticke.

Wir sind von potenziellen Gefahren umgeben. Alles birgt ein gewisses Gefahrenpotenzial. Allerdings ist die Frage „Wie hoch ist das Gefahrenpotenzial?“ sprich: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?“  unheimlich wichtig zur Einschätzung der Gefahr.

Auch ist der zu erwartende Schaden relevant. Ich gehe vorsichtiger mit meiner Geldbörse um, wenn ich da 100+ € drin habe, als wenn ich da nur ein paar Cent drin habe.

Es ist kein Zufall, dass gerade Frauen vermehrt Hundeabwehr-Spray, Schrill-Alarme, Kubotane (oft eine Schlag- oder Stichwaffe in Form eines Stiftes) und dergleichen mehr kaufen und in ihren Handtaschen deponieren. Es ist kein Zufall, dass Frauen versuchen, weniger Angriffsfläche zu bieten und Risikosituationen weitestgehend zu vermeiden.

Eine Risikominimierung ist ganz normal. Des begegnet uns in den alltäglichsten Situationen. Der Stuhl X ist besonders rückenschonend und verringert so die Gefahr von Schäden am Rücken. Das technische Gerät ist so gebaut, dass es vor Spritzwasser geschützt ist und so auch, nach dem das Bier in direkter Nähe ausgelaufen ist, voll funktionstüchtig und verursacht durch einen Kurzschluss kein Feuer. Der Sicherungskasten trägt Sicherung im Namen.

Was will man hier eigentlich vermitteln? Das Risikominimierung was schlimmes ist? Zivilisation ist Risikominimierung.

Dem geneigten Leser und auch der genigten Leserin werden bis hierher viele Parallelen zur Anti-Terror Debatte aufgefallen sein. „Risikopotential ist ja sowieso immer da“ und „es ist viel wahrscheinlicher, dass dir X passiert, als dass dich ein Terrorist umbringt“.

Und bis jetzt habe ich die Argumentation genauso … schwammig … geführt. Klar: Gefahrenpotential ist immer da und wird auch nie ganz verschwinden. Das heißt nicht, dass man nicht daran arbeiten sollte das Potenzial zu verringern. Risikominimierung.

Gleichzeitig gebt es natürlich einen eklatanten Unterschied zwischen Taschendiebstahl und sexueller Gewalt – der angerichtete Schaden. genauso wie es einen Unterschied zwischen „ein Krampf im Bein und darum ertrinken“ und sexueller Gewalt gibt – die Täterschaft.

Sowohl bei der sexuellen Gewalt, als auch beim Terrorismus gibt es eine/n Täter/in (auch mal mehrere). Es gibt also zwei Stellschrauben mit denen ich das Risiko verringern kann. Ich kann versuchen dafür zu sorgen, dass man nicht zum Opfer wird und ich kann versuchen, dass man nciht zum Täter wird. Also Schutz- und Präventionsprogramme. Deshalb bewaffnen sich auch Frauen immer mehr, weil sie somit die Wahrscheinlichkeit senken können, zum Opfer zu werden. Es ist eine Risikominimierung. Zu mindest aber der Versuch einer solchen.

Vor diesem Hintergrund regt mich „Es ist kein Zufall, dass gerade Frauen[…]“ ziemlich auf, denn ein paar Zeilen später folgt das Fazit des Artikels:

Bisher setzt man hierzulande noch viel zu sehr auf das, was Frauen tun könnten, um Vergewaltigungen zu verhindern: Bestimmte Orte meiden, gemeinsam joggen oder spazieren gehen, keine fremden Männer anlächeln und am besten nicht zu später Stunde in zu enger oder freizügiger Bekleidung.

Das sind Möglichkeiten der Risikominimierung. Damit jemand nicht zum Opfer wird. Ähnlich wie Haustür / Fahrrad abschließen. Was ist denn schlimm an Risikominimierung?

 Es sind Politiker, Richter und (Staats-)Anwälte, aber auch Journalisten, die maßgeblich mitbestimmen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen: In einer Gesellschaft, in der das Opfer einer Vergewaltigung selbst Schuld hat, weil
es allein joggt oder spät nach Hause kommt oder zur abendlichen Stunde noch den Hund laufen lässt.

Vielleicht liegt es daran, dass ich aus dem erzkonservativen Münsterland komme, aber hier bedeutet „Handlungsempfehlung zur Vermeidung eines Übels“ nicht „Schuldzuweisung“. Und natürlich sagen Richter, Politker, (Staats-)Anwälte usw. laufend: „Aha, Du warst also Nachts leicht bekleidet im Park, als du vergewaltigt wurdest? Na dann lassen wir den Vergewaltiger mal Laufen. Der kann ja nix dafür.“

Wenn ich ohne zu gucken über eine Rechts-vor-links- Kreuzung fahre und jemand rast mir ins Auto, obwohl ich Vorfahrt hatte, dann ist die Frage durchaus berechtigt, warum ich nicht geguckt habe. Aber die Schuld hat trotzdem der, der die Vorfahrt genommen hat.

Wer hat eigentlich diesen Mythos erfunden, dass solche Handlungsempfehlungen eine Schuldzuweisung sind.

Und dann gibt es da noch eine ganz besonders wichtige Sache zu zu sagen. Dadurch, dass diese Möglichkeiten der Risikominimirung an die Hand gegeben werden, können die Frauen Akteure bleiben. Selbst nach einem Vorfall. „Diese und jene Dinge kann ich beeinflussen, damit die Welt für mich sicherer ist.“ Ist wesentlich positiver als „Es gibt nichts was ich tun kann um diese Welt sicherer zu machen, so dass ich in ihr leben kann.“ Man nennt das: Erlernte Hilflosigkeit.

Wer Frauen aus der Eigenverantwortung für ihren eigenen Körper entlässt, degradiert sie zum Objekt.

 

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2 Gedanken zu “Schuldzuweisungen und Risikominimierungen

  1. Wer hat eigentlich diesen Mythos erfunden, dass solche Handlungsempfehlungen eine Schuldzuweisung sind.

    Das kann ich nicht sagen. Es ergibt sich aber meiner Ansicht nach durchaus eine MITschuld.
    Wer die Fenster seiner Hütte offen stehen lässt, bekommt nach einem Einbruchdiebstahl eine Mitschuld angerechnet, ggf. nimmt die Hausratversicherung auch Regress wegen grober Fahrlässigkeit.

    Wer sich im Auto nach einer brennenden Zigarettenkippe bückt, kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass im Falle eines Unfalls die Kaskoversicherung den Schaden wegen grober Fahrlässigkeit nicht zahlen wird.

    Wer das Mundwerk zu weit aufreißt, muss u.U. damit rechnen, einen vor die Maske zu kriegen. Auch da wird dann regelmäßig von einer Mitschuld ausgegangen. Es führt sogar so weit, dass bspw. keine Notwehr angenommen wird, wenn bzw. weil man die Notwehrsituation provoziert hat.

    Eigentlich immer und überall geht man in gewissen Fallkonstellationen von einer Mitschuld aus, die in keinster Weise eine (Straf-)Tat rechtfertigen soll. Nur bei Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, soll das nicht so sein? Warum?

    Wenn frau sich provozierend freizügig in die Öffentlichkeit begibt, dann tut sie das in der Regel nicht einfach so, sondern um möglichst viel Beachtung beim männlichen „Publikum“ zu erlangen. Auf gut Deutsch: Durch sexuelle Reize sollen Begehrlichkeiten und Beachtung geweckt werden.
    Wenn eine Frau durch entsprechend aufreizende Bekleidung (oder vielleicht richtiger Nichtbekleidung) also Beachtung bei dem falschen Mann oder aber der falschen Frau weckt (schließlich begehen nicht nur Männer Sexualstraftaten), dann ist ihr das durchaus anzulasten.
    Denn sie hat eben nicht alles mögliche getan, um einer potentiellen Gefährdung aus dem Weg zu gehen.
    Das rechtfertigt die Tat an sich natürlich nicht, Hauptschuldig ist nach wie vor der/die Täter/Täterin.

    Gefällt 1 Person

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