#MeToo

Was soll man zu #MeToo noch sagen, was nicht längst gesagt wurde? Ist das Thema bereits zerredet und von jedem Winkel betrachtet worden? Ich muss gestehen – ich weiß es nicht.

Ich habe mich in den letzten Wochen relativ rar gemacht, vor allem, weil ich derzeit nicht in meiner eigentlichen Wohnung wohne, sondern in einem 16m² Apartment (inklusive Küche und Bad) mit einem Internet, dass so stabil ist, wie ein aus Strohalmen gebauter Eiffelturm in Originalgröße ohne Fundament und Verbindung zwischen den einzelnen Halmen. Ich denke, dass das in den kommenden Wochen wieder besser wird.

Ich schiebe das ein, weil ich tatsächlich in den vergangenen Wochen zwar viele Artikel wahrgenommen habe, die sich um #MeToo drehten, aber nur noch wenige gelesen habe.

#MeToo und die Debatte

Es gibt Menschen die nennen die Ereignisse um #MeToo eine Debatte und wieder andere, die das verneinen. Ich meine in mindestens zwei Fällen darüber gestolpert zu sein, dass Leute behauptet haben, dass die Kritik an #MeToo nieder gebrüllt werden würde (und wenn ich mich nicht ganz täusche, habe ich selbige Aussage auch getroffen, kann sie aber nicht wiederfinden). Doch denke ich, dass dies mittlerweile nicht mehr derartig der Fall ist. Die Kritik an #MeToo ist mittlerweile sehr vielfältig, kommt aus unterschiedlichen politischen Lagern und sowohl von Männern als auch Frauen. Genauso kommt die Befürwortung von #MeToo aus unterschiedlichen politischen Lagern (mit #120dB als vermeintlich rechtem Ableger) und auch von Männern und Frauen. Mit Fug und recht kann man behaupten, dass hier zumindest unterschiedliche Argumente publiziert werden – und das ist weit näher an einer Debatte, als das was wir unter #aufschrei oder #imzugpassiert oder Ähnlichem erlebt haben.

Das Aufbrechen von Machtstrukturen.

Die damalige Frauenministerin Katharina Barley wird in der taz folgendermaßen zitiert: „Wer hat wann was getan – am Ende geht es nicht um eine Hand auf einem Knie, sondern es geht um Macht. Übergriffe sind eben nicht nur Einzelfälle, sondern Ausdruck der Machtstrukturen, aus denen heraus bestimmte Rollenbilder entstehen.“ (Archiv)

In EditionF (Archiv) kommen gleich mehrere Feministinnen zu Wort:

Dabei geht es fast immer um Macht, Machtgefälle und Machtmissbrauch. In Hollywood, in Unternehmen und in der Politik. Diese teilweise über Jahrhunderte geformten Machtstrukturen müssen wir aufbrechen.“ Jenna Behrends

„Ich halte es für möglich, dass es da draußen genauso viele Männer wie Frauen gibt, die die üblichen Unterdrückungs- und hierarchischen Machtspielchen nicht mehr ertragen.“ Lisa Ortgies

„Oder um mit Beauvoir zu argumentieren: Die Komplizenschaft mancher Frauen mit der institutionalisierten Herrschaft des Patriarchats zeigt sich in diesem Zusammenhang mancherorts leider immer noch.“ Katja Kipping

„Deswegen muss die Relevanz noch mal klar gemacht werden: Es geht nicht (nur) um Sex, es geht nicht (nur) um Hollywood. Es geht um Machtstrukturen, die überall (wirklich überall!) zu finden sind, und die man nur im Ganzen angehen kann.“ Barbara Vorsamer

„Körper und Macht: Natürlich geht es bei der #Metoo-Debatte um unsere Körper. Und es geht um Macht. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die in den allermeisten Fällen von Männern ausgeht und Frauen in ihrer Freiheit einschränkt. Das hat etwas mit Machtgefällen zu tun.“ Terry Reintke

Und so weiter…

Aber auch in anderen Publikationen wie zum Beispiel dem Handelsblatt (Archiv; Original) wird von Machtstrukturen geredet:

„Aber im Kern geht es bei der #MeToo-Debatte um Macht. Um Machtmissbrauch, um Machtstrukturen und um Machtgefälle, die schamlos und würdelos ausgenutzt werden. „

Geht es denn meiner Meinung wirklich um das Aufbrechen von Machtstrukturen? Ja und nein. Wenn es um Machtstrukturen zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz geht, könnte man sagen, dass es sich dabei um ein Aufbrechen von Machtstrukturen handelt – mit Einschränkungen. Denn in der überwältigenden Mehrheit der bekannten Fälle geht es um eine männlicher Chef/Strar – weibliche Untergebene/(noch) nicht Star. Es geht nicht um: Weiblicher Chef/Star – männlicher Untergebener/(noch) nicht Star.

Es geht also um die Machtstrukturen von mächtigen Männern und weniger mächtigen Frauen am Arbeitsplatz. Wobei hier natürlich Kevin Spaceys männliches Opfer und Jennifer Lawrences weibliche Täterin Ausnahmen bilden.

Und selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Übergriffe teils Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte zurückliegen und es mehr als nur einen Hinweis darauf gibt, dass sich Männer schon länger gegen falsche Behauptungen absichern (Grundschullehrer, die nicht in die Nähe der Schüler-Toiletten gehen, Lehrer, die die Klassenzimmertür offen lassen, Chefs, die nicht alleine mit einer Frau in einem Raum sein wollen, allgemein Männer, die nicht alleine mit einer Frau in den Fahrstuhl gehen, usw.) so gab es (und gibt es auch heute noch) Männer, die ihre Machtposition im Berufsleben ausnutzen. Doch denke ich, dass diejenigen, die ihre Macht jetzt in der angeprangerten Weise ausnutzen, wesentlich weniger werden. Und auch diejenigen, die ihre Macht nicht entsprechend ausnutzen (weder früher, noch jetzt, noch in der Zukunft) werden (noch) vorsichtiger im Umgang mit Frauen sein.

In sofern sind die Machtstrukturen aufgebrochen worden.

Andersherum, wird durch diese erhöhte Vorsicht auch gewissen Frauen die Möglichkeit genommen ihre Sexualität (ihre sexuelle Macht) zu nutzen, um Vorteile zu erhalten.

Auf einer anderen Ebene, nämlich der sozialen Ebene, sind Machtstrukturen zementiert worden. Schon früher haben sich primär Männer gegen falsche Beschuldigungen abgesichert, denn der Vorwurf einer sexuellen Belästigung oder gar Vergewaltigung konnte und kann auch heute deinen Ruf zerstören, wie wir wunderbar bei #MeToo gesehen haben. Mächtige, hoch angesehene Männer mussten ihren Hut nehmen, wurden teils in den Suizid getrieben (Archiv 1Archiv 2).

Diese soziale Macht ist somit offensichtlich nicht unerheblich und lag primär bei Frauen. Das hat sich auch kaum geändert, außer, dass jetzt wirklich jeder weiß, dass Frauen diese Macht haben.

Macht und Machtmissbrauch

Aber wie es mit Macht nun mal ist: Es gibt immer Menschen – egal ob Männer oder Frauen – die diese Missbrauchen. Der Macht, die eigene Position zu nutzen um sexuelle Gefälligkeiten einzufordern, wird nun die soziale Macht massiv entgegen gesetzt, dass sich so etwas nicht gehört und daher eine absolute Vernichtung der Reputation und der Lebensleistung als gerechtfertigt wahrgenommen wird – auch ohne Beweise.

Und das wiederum öffnet Machtmissbrauch (diesmal primär durch Frauen) Tür und Tor. Wenn ich etwas unredliches (Falschbeschuldigung) machen kann ohne das diese Handlung negative Auswirkungen auf mich hat, es aber das Opfer (beschuldigte Person) beruflich wie sozial vernichten kann, dann habe ich alle Anreize geschaffen, Macht zu missbrauchen. Minimaler Einsatz bei maximalem Effekt. Jetzt kann eine freiwillige zwei-Wochen Praktikantin einem etablierten, guten, umgänglichen, männlichen Chef das Leben zerstören, weil ihr gerade danach ist.

Das ist gefährlich. Brandgefährlich. Nicht umsonst haben wir Menschenrechte etabliert wie die Unschuldsvermutung. Nicht umsonst haben wir einen Rechtsstaat etabliert, wo neutrale Profis (Richter) das Urteil über Strafen im Rahmen eines Gesetzes fällen. Nicht umsonst hat in diesem Rechtsstaat jeder das Recht auf einen professionellen Verteidiger. Zumindest vor Gericht.

Doch diese Rechtsstaatlichkeit wurde mit #MeToo vollständig ausgehebelt. Nicht umsonst wird von Hexenjagden geredet (Archiv).

Nehmen wir an, Manager XY hätte Frau YZ die Hand auf das Knie gelegt und ihr vielleicht auch spontan und überraschend einen Kuss auf den Mund gegeben, was sie wiederum nicht wollte… Rechtfertigt das ernsthaft, dass er das verliert, wofür er sein Leben gearbeitet hat? Rechtfertigt das, ihn sozial und beruflich zu vernichten? Vielleicht sogar ihn in den Suizid zu treiben?

Rollenstereotype

Feminist*_InnenX sprechen gerne davon, dass sie Rollenstereotype aufbrechen wollen. Die Geschlechterrollen gehören abgeschafft, so schallt es aus ihren Reihen. Für den Mann galt einmal, dass er der zu respektierende Herr des Hauses sein soll. Der Beschützer und Versorger der Familie.

In meinen Augen durchaus positive Dinge.

All dies wurde im Laufe der Jahre negiert. Der Mann soll nicht mehr Versorger sein, wenn es nach Feminist*_InnenX geht. Das ist ja auch ganz schlimm, das Männer mehr verdienen (GPG und so), weil sie es wollen und Frauen es eben nicht wollen. Der Mann ist auch nicht mehr Beschützer, denn wie wir an den ganzen „Anti-Sexismus“ Hashtags wie #MeToo, #aufschrei und wie sie alle heißen gesehen haben, beim Thema häusliche Gewalt und auch in anderen Bereichen sehen (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8955202.html ) wird der Mann als Gruppe immer mehr zum gewaltbereiten, Trieb gesteuerten, Macht besessenen Sexmonster degradiert und verliert somit jeglichen Respekt, der ihm gebührt.

Diese Degradierung des Mannes, die Zerstörung aller positiven Attribute, bei gleichzeitiger Verweigerung der Möglichkeit für neue positive Eigenschaften ist vielleicht der Grund dafür, das der Feminismus immer häufiger als Synonym für Männerhass verwendet wird bzw, Feminist*_InnenX Männerhass vorgeworfen wird. #MeToo ist nur ein Baustein in der Dämonisierung des Mannes.

Wir sind auf einem merkwürdigen Pfad in der Geschichte der Menschheit. Errungenschaften wie Unschuldsvermutung, Rechtsstaat, Individualismus und Menschenrechte werden zu Gunsten von Schuldig weil angeklagt, Mobjustiz und Kollektivismus. Alles Dinge, die sich als amoralisch und nicht geeignet Gerechtigkeit zu bringen erwiesen haben. Alles Dinge, die mehr Schaden angerichtet haben, als dies sie nutzten. Wir entwickeln uns gesellschaftlich zurück.

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5 Gedanken zu “#MeToo

  1. Ich wuerde mal sagen die meisten Frauen interessieren sich einen Dreck fuer diese hashtag-Aktionen. Das ist doch nur fuer die Berufsbeschwerer interessant, weil sie damit wieder Steuergelder vom Feministenministerium loseisen koennen. Fuer Journalisten ist es auch interessant, weil sie dann ohne nachzudenken und voellig faktenfrei einen Hetz- oder Heulsusenartikel loswerden. Und viele junge Frauen haben gelernt, dass man mit der Opfer-Nummer ganz schnell ganz viel Aufmerksamkeit bekommt, wofuer man bisher was leisten musste (und wenn es nur duschen, sich pflegen und anstaendig anziehen war).

    Macht ist untrennbar mit Verantwortung verbunden. Wer Macht missbraucht muss auch zur Verantwortung gezogen werden. Wenn Frauen Macht missbrauchen springen aber leider unzaehlige white knights herbei, damit deren Machtmissbrauch ungesuehnt bleibt.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich habe den Eindruck, dass schon sehr viele Frauen sich gedanken zu dieser Hashtag-Aktion gemacht haben. In meinem Umfeld praktisch alle und es kommt immer mal wieder zur Sprache.

      Ansonsten stimme ich dir vollkommen zu.

      Sry für die späte Antwort.

      Gefällt mir

  2. Ich denke das Problem beginnt schon damit, dass man über Machtstrukturen spricht. Damit nimmt man schon an, dass die gesamte Gesellschaft von einem generellen Prinzip eben der Struktur durchdrungen ist und sie sich nicht in Einzelfällen oder diffusen unter günstigen Bedingungen auftretenden aber auch wieder verschwindenden Problemen ausdrücken, die man vornehmlich an Einzelpersonen oder kleinen Gruppen festmachen kann, sondern in einer Art von sozialer Gesetzmäßigkeit. Dem gemäß muss man schon, um von der Struktur überhaupt sprechen zu können, nach der sozialen Großgruppe suchen, die diese Strukturen nutzt und vermeintlich perpetuiert.

    So wird nicht etwa die Macht als solche in den Blick genommen, sondern man muss sich eine Gruppe konstruieren, die über diese Macht insbesondere verfügt und ihr unterstellen sie stetig zu missbrauchen. In diesem Fall Männer.

    Statt anzuerkennen, dass eben Macht, Möglichkeit oder Gelegenheit bedeutet und Gelegenheit bekanntlich Diebe macht, wird der Machtmissbrauch selbst zu einem männlichen Phänomen verklärt, ohne nicht völlig hirnrissige Begründung warum das so ist (und unter Ausblendung das Frauen, wenn überhaupt, höchstens anders benutzen.
    Lysistrata wirkt unter Feministen gerne als ein emanzipatorisches Stück im Grunde kann man es auch als Erzählung darüber betrachten, wie man die Macht, die man durch den eigenen weiblichen Körper angesichts der promiskuitiven Natur des Mannes hat, über diesen ausüben kann.

    Und dabei ist das Bild der Sugar Momma noch nicht einmal ausgeschlossen, im Klischee reiche Witwen oder erfolgreiche Geschäftsfrauen im reiferen Alter, die ebenso Einfluss und vermögen nutzen, sich Toy Boys zu halten.

    In alter linker Manier könnte man die Karrierestrukturen eines geschlossenen, auf Beziehungen weniger sehr einflussreicher Personen bassierendes Biotop wie Hollywood und die Macht eines (potenziellen) Arbeitgebers über aufstiegswillige Jungschauspieler über den Zwang von Geld und Erfolg verstehen lernen, aber das wäre zu kompliziert, wenn man einfach auch das Patriarchat verantwortlich machen kann.

    Das einzig „patriarchale“ an Fällen wie Weinstein und Co. ist eher, dass Männer noch eher als Frauen mit Sex käuflich sind, während die Gelüste von Frauen nur weniger offensichtlich sind.

    Gefällt 2 Personen

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