#Metoo: Das Schweigen der Männer

In der Berliner Zeitung ist vor etwa einem Monat eine Aufforderung an Männer erschienen, sich noch einmal zu #MeToo zu äußern, etwas verspätet habe ich mich vor einigen Tagen daran gesetzt, ausführlich zu antworten.

Sehr geehrte Frau Dankbar

Ich habe Ihren Kommentar „Das Schweigen der Männer“ (13.10,2018, Berliner Zeitung) gelesen und komme Ihrer Bitte um eine Antwort, auch wenn es etwas spät ist, gerne nach.

Im zweiten Absatz schrieben Sie folgenden Satz:
„Es ist nämlich leider so, dass ich in dem ganzen Jahr, in dem es die #MeToo-Debatte gibt, nicht eine einzige vernünftige Diskussion mit einem Mann darüber hatte.“

Ich kenne dieses Phänomen, nur umgekehrt. Es gab keine Frau mit der ich eine vernünftige Diskussion über #MeToo führen konnte. Auch in den Online-Medien habe ich zwar unterschiedlichste Positionen gelesen, aber kaum richtige Debatten, wo sich Menschen zusammen hingesetzt haben und das vernünftig ausdiskutiert haben.

Das ich diese Diskussionen nicht führen konnte, lag meiner Meinung nach an drei Fragestellungen.

  • Worum geht es eigentlich?
  • Sind Frauen, weil sie Frauen sind, Engel?
  • Sollte nicht das Prinzip der Unschuldsvermutung gelten?

Also: Worum geht es?
Sie eröffnen im Folgenden, dass es bei #MeToo um die Beschuldigung von Harvey Weinstein ging, der drei Frauen vergewaltigt haben soll und führen das dann weiter aus, über sexuelle Belästigungen, sexistische Herabsetzungen bis hin zu plumper Anmache und unerwünschter Annäherung.
Ja was denn nun? Das Spektrum geht von einem charmanten Kompliment zur Kontaktaufnahme, dass der betreffenden Person gerade nicht genehm ist (unerwünschte Annäherung) bis hin zur Beschuldigung/Behauptung mehrfacher Vergewaltigung. Wobei in der eigentlichen Debatte ja sogar von echten und bestätigten Vergewaltigungen die Rede war.
Dies führt uns direkt zurück zur Fragestellung. Es scheint sehr beliebig zu sein worum es eigentlich geht und das sieht man auch in den Debatten.
Jedes Mal, wenn ich einen Talk gesehen habe, eine Onlinedebatte verfolgt habe oder mich mit Frauen über dieses Thema unterhalten habe, gab es unterschiedliche Aussagen, worum es eigentlich geht. Und das konnte sich auch schon einmal innerhalb der Diskussion ändern. So habe ich zwei „Diskussion“ persönlich erlebt, in der mit einem „Bei #MeToo geht es um sexuelle Gewalt, um Vergewaltigungen, wie kann man da was gegen haben, dass darüber gesprochen wird.“ Gestartet wurde und es dann zwischendurch zu einem „ja es geht aber auch um Alltagssexismus“ umgeschwenkt wurde. Und wenn ich dann dort argumentierte, war ich plötzlich wieder dabei Vergewaltigungen zu legitimieren. Zu mindest wurde mir das absurderweise vorgeworfen. Das Thema schien immer beliebig zu sein, wie es gerade in die Argumentation passte. Man kann den Themenbereich #MeToo im Groben so zusammenfassen: Dinge die Frauen (ein bisschen bis sehr) unangenehm sind. So zumindest mein Eindruck.
Und das heißt bei Weitem nicht, dass ich dieses Gefühl bei den geschilderten Dingen nicht nachvollziehen kann. Aber das Thema scheint beliebig zu sein und beliebig innerhalb der Diskussion wechseln zu können. Das macht es schwierig darüber zu reden.
Vor allem natürlich, weil es oft auch ein sehr emotionales Thema ist und man(n) ja kein Arschloch sein will.

Wo wir gerade bei „Mann“ sind. In nahezu allen Diskussionen, Texten, Videos… bzgl. #metoo wurde davon gesprochen, dass „Männer“ „Frauen“ etwas antun. Würden wir andere Gruppierungen nehmen, dann würde darauf ganz anders reagiert werden. Erinnern wir uns an die #120dB Aktion aus dem konservativen Lager, in dem Männer, wie auch Frauen von gewalttätigen und sexuellen Übergriffen durch Migranten sprachen. Ähnlich wie bei #metoo. Das wurde, in meinen Augen zu Recht, als rassistische Hetze verschrien. Warum ist es abhängig von den Gruppen, ob etwas gut oder schlecht ist. Oder: Verschieben wir die Anschuldigungen gegenüber Harvey Weinstein mal ein paar Jahrzehnte zurück und dann nach Deutschland. „Der Jude Harvey Weinstein wurde von drei arischen Frauen beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben.“

Ich hoffe sie merken, dass eine verallgemeinernde Rhetorik wie sie bei #metoo üblich ist, nicht unbedingt zum sachlichen Diskurs beiträgt und zu einem „wir gegen die“, also einer Gesellschaftsspaltung, beiträgt. Bei anderen Gruppen würde man vermutlich von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sprechen“.

Natürlich sind nicht alle Männer gemeint. Aber man kann schon nachvollziehen, dass sich so (fast) alle Männer angesprochen fühlen und sich auch viele angegriffen fühlen.

Dazu kommt, dass viele Begriffe schwammig sind. So kann zum Beispiel die „unerwünschte Annäherung“ aus ihrem Text von ‚ich gehe in der Disko zu einer interessant aussehenden Person hin und spreche sie freundlich an. Diese will das aber nicht, äußert dies aber in keiner Form‘ bis hin zu ‚ich dränge mich dieser Person trotz mehrmaliger Abweisung immer wieder auf‘ gehen. Und so gibt es, wie auch beim Gesamtthema, immer eine riesige Spannbreite an unklaren und/oder schwammigen Begriffen.

Dies führt zwangsläufig zu Missverständnissen.
Da das Thema also schwer zu fassen ist, beliebig verschoben werden kann und auch noch hoch emotional ist, ist die Gefahr als Arschloch angesehen zu werden recht hoch. Eine „vernünftige Diskussion“ im Sinne von „sachlich“, ist also extrem schwierig und als Mann kann man bei diesem Thema fast nur verlieren, es sei denn man stimmt uneingeschränkt zu, dass diese „Debatte“ richtig und wichtig und total gut ist. Es hängt immer die „wenn du das kritisierst, verteidigst du Vergewaltiger und bist genau wie die“-Keule über den Köpfen der Männer.

Das führt uns zur zweiten Frage: Sind Frauen, weil sie Frauen sind, Engel?

Natürlich nicht. Frauen können genauso lügen und betrügen wie Männer. Sie sind genauso zu moralisch verwerflichem Verhalten fähig wie Männer. Genauso wie Frauen, wie auch Männer, zu großen Taten fähig sind. Frauen sind halt, wie Männer, kein Kollektiv, sondern Individuen.

Menschen neigen dazu die tatsächlichen Gegebenheiten etwas einzufärben um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Berichte ich von einer Situation, in der ich nicht gut ausgesehen habe, lasse ich vielleicht einige negative Details weg oder knüpfe direkt eine Rechtfertigung an. Will ich über das Thema „Opfer sein“ reden, dann dramatisiere ich vielleicht Situationen, um mehr als Opfer wahr genommen zu werden. Oder auch im Politischen: Verfolge ich ein bestimmtes politisches Ziel, dann werde ich die Notwendigkeit dieses Zieles besonders herausstellen und auch primär Daten veröffentlichen und nutzen, die dieses Ziel unterstützen, wobei ich andere (bewusst) nicht verbreite.

Das bedeutet aber auch, dass ich keinen Grund habe irgendwelchen Aussagen, irgendwelcher Frauen aus dem Internet, die ich in der überwältigenden Mehrheit nicht kenne, zu glauben. Jetzt könnte man natürlich gegenhalten, dass ich auch keinen Grund habe ihnen nicht zu glauben.

Doch habe ich. Aus vergangenen feministischen Hashtagaktionen, wie #Aufschrei, #imzugpassiert usw. wissen wir, dass fast immer eine politische Agenda dahintersteckt. Vorsicht ist angemahnt.

Deshalb ist es auch falsch zu sagen: „Überall auf der Welt schilderten Frauen Übergriffe, sei es körperlich oder verbal.“ Es müsste „[…] vermeintliche Übergriffe […]“ heißen. Sie haben, genau wie ich, keine Möglichkeit alle diese vermeintlichen Übergriffe auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Sie könnten allesamt erstunken und erlogen sein oder allesamt zu 100% richtig sein. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen und die überwältigende Mehrheit wird zumindest einen wahren Kern haben. Wir wissen es aber nicht. Viele der geschilderten vermeintlichen Übergriffe lasen sich auch stark übertrieben. Ob sie wirklich übertrieben waren oder tatsächlich so stattgefunden haben… man weiß es nicht.

Das hielt aber weder die Wortführerinnen der #MeToo Sache noch Sie selbst davon ab alle diese Erzählungen als wahr zu betrachten. Es wurde sogar mehrfach danach gerufen, „den Opfern zu glauben.“ Erstens weiß ich nicht mal ob sie Opfer sind. Sie behaupten es ja nur. Und zweitens heißt es ja nicht, dass sie, nur weil sie Opfer sind, auch die Wahrheit sagen.

Nicht nur ich hatte oft den Eindruck, dass die Berichte vermeintlicher Übergriffe als sakrosankt betrachtet wurden. Es durfte nicht in Zweifel gezogen werden ob diese wahr waren oder nicht. Wurde zur Sprache gebracht, dass das Verhalten in den nicht-Vergewaltigungsbeschuldigungsfällen Weinsteins zwar unprofessionell und unmoralisch war (wenn die Situationen so gewesen sind wie beschrieben), aber es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass sie auf sein Angebot gerne eingegangen sind um Karrierevorteile zu bekommen, wurde einem Victim-Blaming unterstellt. Möglicherweise haben sie sogar bewusst vorher sexuelle Reize ihm gegenüber ausgesendet um eine solche Situation zu provozieren. Und ganz vielleicht sogar selbst die Initiative ergriffen. Das ist nicht so abwegig, denn in Hollywood geht es um Geld, Einfluss und Ruhm. Durchaus etwas, das auch Frauen gerne haben.

Sich natürlich dann als Opfer eines mächtigen Mannes zu stilisieren, obwohl man sich selbst unmoralisch und unprofessionell verhalten hat ist natürlich praktisch. Man kann quasi die eigene Schuld anderen unterschieben.

Ob das so gewesen ist oder nicht, wissen wir nicht. Aber es liegt im Bereich des Möglichen. Die Besetzungscouch ist nun wirklich kein neues Konzept.

Frauen können Lügen, der Wahrheit Spielraum geben. Und genau hier wird es spannend. Denn hier beginnt die Kritik an #MeToo.

Sollte nicht das Prinzip der Unschuldsvermutung gelten?

Frauen können lügen. Viele der Männer, mit denen ich geredet habe, befürchten genau in diesem Zusammenhang eine Sache: Was passiert, wenn in diesem Klima, wo vermeintlichen Opfern bedingungslos geglaubt wird, mir ungerechtfertigterweise eine entsprechende Verfehlung unterstellt wird?

Verliere ich meinen Job, meine sozialen Kontakte? Die Frage nach dem Ruf brauch ich mir nicht zu stellen, der wird zerstört werden. Wie soll ich gegenhalten, wenn mir sowas unterstellt wird?

Wir haben gesehen, dass viele Schauspieler, Produzenten, Politiker usw. ihren Job und ihre Reputation verloren haben. Wir haben gesehen, dass mehrere in den Suizid getrieben wurden. Wir haben gesehen wie bedingungslos den Beschuldigenden geglaubt wurde und die Beschuldigten angegangen wurden. Nicht umsonst wurde die #MeToo „Bewegung“ mit Hexenjagden verglichen.

In den Medien sahen wir flächendeckend nicht einmal mehr nur Verdachtsberichterstattung, sondern Beschuldigungsberichterstattung. Und später dann „Schuldig, weil beschuldigt“-Berichtserstattung.

Die einzige Chance: Die Gefahr beschuldigt zu werden auf ein absolutes Minimum reduzieren. Kein Kompliment mehr machen. Es könnte als „unerwünschte Annäherung“ oder „plumpe Anmache“ ausgelegt werden.

Denn die Unschuldsvermutung gilt in diesem Bereich gefühlt nicht mehr in der medialen (und weiten Teilen der öffentlichen) Meinung.

Bei der Unschuldsvermutung handelt es sich aber um ein Menschenrecht und ist ein Eckpfeiler des Rechtsstaates. Das ist keine kleine Sache.

Natürlich müssen Leute, die sich fehlverhalten, die entsprechenden, angemessenen Konsequenzen tragen. Jemand der etwas ungewünscht anzüglich sagt, dem muss entsprechend geantwortet werden. Wiederholt sich das, kann man auch eine Etage höher gehen. Und wir können alle Beispiele durchgehen bis hoch zur Vergewaltigung wo die Vergewaltigerinnen und Vergewaltiger hinter Gitter gehören. Ich habe auch noch nie gehört (auch nicht bei #MeToo Kritikern, dass jemand das anders sieht. Fehlverhalten muss Konsequenzen haben. Aber als strafende Instanz müssen wir auch wissen (nicht nur glauben), dass ein Fehlverhalten vorliegt. Unschuldig, bis zum Beweis der Schuld.

Fazit:

Der Rechtsstaat wurde von #MeToo Unterstützern geopfert, um sich moralisch als die Verteidiger und Unterstützer der Opfer von einem breiten Spektrum an Anschuldigungen vom Charmanten Kompliment zur falschen Zeit, bis hin zur Vergewaltigung, zu stilisieren. Das Gefühl der moralischen Überlegenheit sorgte aber auch dafür, dass jede noch so sachliche und differenzierte Kritik im Keim erstickt werden musste. Denn sonst wäre man nicht mehr moralisch überlegen.

Daraus folgt, dass eine vernünftige Diskussion, nicht möglich war, weil sie von Seiten der #MeToo Unterstützer nicht sachlich geführt wurde. Ja nicht geführt werden konnte. Sie konnten nicht zurück, sie konnten keinen Fehler eingestehen, denn es hätte bedeutet, moralisch nicht richtig gehandelt zu haben. Und wer gesteht sich das schon gerne ein.

Und so ist die #MeToo Bewegung zu einem von Macht und Selbstbeweihräucherung trunkenen Online-Mob verkommen. Ein Rückschritt in die Barbarei, die wir durch zivilisatorische Errungenschaften wie Gewaltenteilung, ethische Standards im Journalismus und Rechtsstaat zu verhindern getrachtet haben. Schade, dass wir das neu aufbauen müssen.

Nein, mit #MeToo Befürwortern ist eine vernünftige Diskussion nicht möglich. Denn Vernunft ist nicht ihr Antrieb.

 

3 Gedanken zu “#Metoo: Das Schweigen der Männer

  1. Ich sage es mal extra undiplomatisch: Die meisten #MeToo-Befürworterinnen sind mangels Verstand in Küche und Schlafzimmer besser aufgehoben, als in Presse und Politik.

    Liken

  2. Danke für diese Portion Common Sense. Sucht man in den Medien heute ja oft vergeblich. Ich glaube, das hat aber auch zu einem guten Teil mit Clickbait zu tun – geklickt wird, worüber sich die Menschen aufregen können. Nach meinen Erfahrungen mit dem Berliner Medienzirkus weiß ich, dass dieses Kalkül zumindest zum Teil eine Rolle spielt.

    Gefällt 1 Person

  3. Wann wird denn endlich übergriffiges, sexistisches Verhalten von FRAUEN thematisiert ?
    Gibt es nicht?……………………..Von wegen…………………………………….
    Kommt nur in den feminisierten Medien nicht vor.

    Wann wird Frauen in lustigen Filmen von Männern nur zum Spaß zwischen die Beine getreten und 6-jährige dürfen sich schon darüber amüsieren?……..
    “ Voll auf die Nüsse“ ist ab 6 Jahre.
    „Voll auf die Pflaume“ ab 106 Jahren.
    Bei männlichen Wesen wird einfach nach dem Motto verfahren: Wer keine Würde bzw. Lobby hat, die diese verteidigt, kann auch nicht belästigt oder sexuell diskriminiert werden. So einfach ist das.
    Merke:
    Bei Frauen ist mit dem Spaß unter der Gürtellinie wegen ihrer Würde definitiv Schluss.
    Bei Männern fängt er erst so richtig an.

    Würde man medial nur einen Tag die Sexualität der Frauen so behandeln, wie es die Mainstream Medien
    mit der männlichen Sexualität tun, wäre(n) der/die TeufelInnen los.
    Der „Aufschrei“ würde noch bis zum Mars nachhallen und Feministinnen zu Recht von einem verstaatlichten “ meetoo “ sprechen.

    So hätte man nach dieser Debatte auch zwangsläufig darüber reflektieren müssen, wie männliche Wesen
    öffentlich-rechtlich- medial insbesondere in Bezug auf ihre Sexualität behandelt werden.
    Keine Spur davon.
    Das gemeinsame in den Köpfen unserer Gesellschaft inzwischen fest verankerte Credo lautet:
    Frauen haben ihre Würde, die verletzt wird.
    Die genitalisierten B-Menschen haben keine Würde, also kann man diese auch nicht verletzen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s