Whataboutism und Derailing

Guten Tag,

nach über einem Jahr erfolgen heute zwei Blogposts. Wobei der eine ja wegen Genderama obsolet wurde. Deshalb schiebe ich noch einen kurzen nach.

Mich hat auch ein anderes Thema beschäftigt. Feministen werfen einem ja des öfteren vor „Whataboutism“ zu betreibenoder zu „derailen“, wenn man zu einem Thema einwirft, dass auch Männer davon betroffen sind. Also im Prinzip vom Thema abzulenken.

Nun ist es so, dass dies ja meist dann gemacht wird, wenn folgendes gesagt wird: „Frauen sind (manchmal auch: zu drölf%) von Problem X betroffen, deshalb müssen wir für Frauen was tun.“

Nun haben wir es aber nicht mit irgendwem, sondern mit Feministen zu tun. Das sind die Leute, die von sich sagen, für Gleichberechtigung zu sein, für Geschlechtergerechtigkeit und das Feminismus auch gut für Männer sei.

Wenn also das „Whataboutism / derailing“ stattfindet, werden Feministen an ihr Lippenbekenntnis erinnert. Wer für Gleichberechtigung ist, der muss das Problem entweder geschlechtsunabhängig angehen oder so, dass auch das andere Geschlecht mit dem Problem nicht alleine gelassen wird und gleichermaßen Unterstützung bekommt.

Zudem ist es nicht hilfreich ein Problem anzugehen und viele Aspekte des Problemes auszulassen. Wenn man das tut, kann man das Problem nicht beseitigen oder minimieren.

Gender Gerecht Grammatik

Seit einiger Zeit ist das Ringen um die korrekte Schreib-und Sprechweise in Deutschland wieder im Gange. Nicht zuletzt, weil der Duden mittlerweile auch gendert. [Ein kleiner Einschub: ich habe mit dem Text gestern begonnen und heute ist ein weitaus eloquenterer und kürzerer bei Genderama erschienen]

Ist „gendergerecht“ besser oder doch die generischen Formen?

Es ist denke ich kein Geheimnis, dass ich die „gendergerechte“ Sprache ablehne und ich möchte hier meine laienhafte Begründung kundtun.

Übereinkünfte

Sprache dient der Kommunikation mit anderen Menschen. Sie funktioniert immer nur als Übereinkunft. Soll heißen: Wenn ich zum Wirt sage: „Ich hätte gerne ein Bier“, dann erwarte ich, dass mir der Wirt ein Bier bringt und nicht einen doppelten Wiskey on the rocks. Wenn er mir aber genau diesen Wiskey hinstellt und sagt „hier ihr Bier“, dann weiß ich das irgendetwas falsch gelaufen ist. Entweder ist er etwas zerstreut und hat einen Fehler gemacht ODER wir haben unterschiedliche Bezeichnungen für die gleiche Sache.

Ein Beispiel aus meiner Kindheit: Wir saßen damals als Familie Sonntags am Frühstückstisch und es gab Brötchen. Wir hatten uns gerade über Hausaufgaben unterhalten. Mein Bruder wollte gerne das Brötchenmesser haben. Er deutete grob in die Richtung und sagte: „Kann ich mal bitte die Hausaufgaben haben.“ Meine Mutter gab ihm kommentarlos das Brötchenmesser.
Seit dem heißt bei uns das Brötchenmesser „Hausaufgaben“. Und das konnte – nachvollziehbarer Weise – für Gäste schoneinmal verwirrend sein.

Spannen wir nun den Bogen zum Gendern. Die gegenderten Formen sollen die generischen Formen ersetzen, da sich „viele Menschen durch die generischen Formen nicht angesprochen fühlen“ und „Frauen nicht nur mitgemeint sein sollen“. Zudem denken Menschen eher an Männer, wenn die generischen Formen verwendet werden und Frauen sollen nun mitgedacht werden. Die Übereinkunft, wie die generischen Formen angewendet werden wird durch die Verwender der „gendergerechten“ Sprache einseitig aufgekündigt.

Nun sind das drei Ebenen. Die erste Ebene ist die von Sender und Empfänger die zweite Ebene eine Verständnisebene und die dritte Ebene ist eine Moralebene.

Ebene 1: Sender und Empfänger

„Viele Menschen fühlen sich durch die generischen Formen nicht angesprochen „

Beginnen wir mit der ersten Ebene. Wenn ein Mensch etwas sagt, dann sendet er Informationen (er ist Sender) und die Menschen, die das Gesagte hören, sind die Empfänger. Ähnlich wie ich als Schreiber dieser Zeilen Sender bin und Sie, lieber Leser, Empfänger sind.

Die Empfänger müssen das Gesendete interpretieren. Ein interessantes Modell ist das 4-Seiten-Modell von F. Schulz von Thun. Bei dem Bierbeispiel würde ich von mir auf der Selbstoffenbarungsseite aussagen, dass ich ein Bier will, auf der Appellseite, dass mir der Wirt ein Bier geben soll, auf der Sachebene ist zu wenig Bier da und auf der Beziehungsebene schwingt mit, dass es der Job des Wirtes ist mir als Kunden Bier zu geben.

Bei der Interpretation der Aussage kann die Gewichtung anders liegen als das was gesagt wurde. Der Wirt könnte sagen: „Ja, das kann ich verstehen.“-Und sich dann um etwas anderes kümmern. Was dem Wortlaut meiner Aussage entsprechend eine vollkommen korrekte Antwort/Reaktion wäre – aber natürlich nicht das, was ich wollte. Das klassische Missverständnis. Der Empfänger hat etwas nicht so verstanden, wie es der Sender gemeint hat.

Auch können Sätze und Worte je nach Kontext eine andere Bedeutung haben. „Wir müssen zum Ball gehen.“ Könnte einerseits die Aufforderung des Fußballmanschaftskapitäns sein, mehr in die Zweikämpfe zu gehen um den Ball zu erobern oder aber auch dafür sorgen, dass sich zwei Menschen in Schale schmeißen um einen Tanzabend in illustrer Gesellschaft zu verbringen.

Solche Doppelbedeutungen von Worten, situationsabhängige Interpretationsspielräume, stehende Begriffe und Redewendungen usw. sind ständige Fallstricke, die zu Missverständnissen in der Kommunikation führen. Sie sind Alltag und lassen sich nur durch korrigierende Aussagen und Gespräche sowie präzisere Sprache reduzieren.

Ein weiterer dieser Fallstricke ist die generische Form. Sowohl das generische Maskulinum, als auch das generische Femininum. Das gen. Maskulinum verwendet die geschlechtsspezifische männliche Pluralform, während das gen. Femininum die geschlechtsspezifische weibliche Pluralform verwendet. Beide generischen Formen werden jedoch verwendet um eine Gruppe zu beschreiben, deren geschlechtliche Zusammensetzung unerheblich ist. Das Geschlecht der einzelnen Personen ist keine relevante Information.

Hier wird die sprachliche Übereinkunft einseitig aufgekündigt. Die „Genderer“ erkennen die generischen Formen nicht mehr an während sie gleichzeitig versuchen die „gendergerechten“ Formen, teils unter Zwang, zu etablieren. Nur weil sich jemand nicht angesprochen fühlt/fühlen will, heißt es nicht, dass die Person nicht trotzdem angesprochen wurde.

Ebene 2: Verständnis

„Frauen sollen nicht nur mitgemeint sein“

Das Problem ist, dass die generischen Formen gleich aussehen und klingen, wie die geschlechtsspezifischen Pluralformen. Das es hier zu Missverständnissen führen kann, ist quasi vorprogrammiert. Um dem entgegen zu wirken gibt es folgende sprachliche Übereinkunft: Gibt es keinen Hinweis darauf, dass das Geschlecht eine relevante Information ist, dann ist das, was wie ein geschlechtsspezifischer Plural aussieht eine generische Form. Beispiel:

„Die Schüler bitte einmal nach links, die Lehrer nach rechts.“ Generische Form.
„Wir müssen einmal nach Geschlecht aufteilen. Die Schüler bitte nach links.“ Geschlechtsspezifische Pluralform
„Die Schülerinnen bitte nach links.“ Geschlechtsspezifische Pluralform
„Die männlichen Schüler bitte nach links.“ Geschlechtsspezifische Pluralform

Dies kann natürlich auch nicht so eindeutig sein:
„Die Gruppe ist ziemlich groß, wir müssen sie in kleinere Gruppen einteilen. Wir haben Schüler und Lehrer [generische Formen, da kein Hinweis auf das Geschlecht]. Wir teilen nach Geschlecht. Die Schüler bitte nach hinten links, die Schülerinnen nach hinten rechts [geschlechtsspezifische Pluralformen, wegen der Differenzierung und des Hinweises auf das Geschlecht]. Bla.. Bla bla.. sabbel sabbel sabbel für eine Minute. die Lehrer bitte nach vorne rechts.“
Hier bestünde jetzt die Frage: Gilt das Aufteilungskriterium Geschlecht noch? Wenn ja, was ist mit den Lehrerinnen, sollen sie bleiben wo sie sind oder nach vorne rechts?

Diese beiden Fragen würden Klarheit verschaffen. Würde man immer Gendern, käme DIESES Problem nicht mehr zum tragen, man würde aber auch in den meisten Fällen eine unnötige Information mitgeben, die Sprache unnötig verkomplizieren und damit weitere Probleme schaffen. Diese Probleme sind dann wieder abhängig davon wie gegendert wird.

Da das Gendern, egal in welcher Form, neue Probleme schafft, ist es keine grammatikalische Verbesserung der Sprache.

Es gibt immer wieder die Assoziationsstudien, in denen nachgewiesen wird, dass bei der generischen Sprachform vermehrt an Männer gedacht wird und das deshalb die „gendergerechte“ Sprache eingeführt werden müsse, damit auch Frauen mitgedacht werden. Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Denn wahr ist auch, dass nach der ersten Assoziation gefragt wird – nicht danach ob man der Ansicht ist, dass dies auch Frauen mit einschließt. Zudem ist es auch Teil der Wahrheit, dass auch in Sprachen ohne/bzw. NUR der generischer Form (z.B. dem Englischen) die gleiche Tendenz sichtbar ist. Wenn die generische Form daran Schuld wäre, müsste man diese Tendenz in der englischsprachigen Bevölkerung nicht sehen.

Eine Sache, die „Genderer“ nicht verstehen und/oder nicht verstehen wollen ist, dass die generischen Formen die inklusivste Form überhaupt sind, denn die Bezeichnung trifft auf alle Menschen unabhängig ihres Geschlechtes zu. Der Teufel steckt, wie so oft, in der 500m² großen, gut beleuchteten Leinwand, die sehr gut einsehbar ist: generisch. Laut Duden (jap, die die auch anfangen zu gendern) bedeutet generisch:

Ebene 3: Moral

„Die gendergerechte Sprache“

Damit wäre auch die Implikation widerlegt, dass die generischen Formen (im Gegensatz zur „gendergerechten“ Sprache) genderUNgerecht wären. Sie sind genauso gendergerecht.

Was für mich irritierend ist, ist folgendes: Eigentlich sollte das Geschlecht in unseren alltäglichen Entscheidungen keine signifikante Rolle einnehmen. Es sollte kein Kriterium sein, nachdem beurteilt, gehandelt oder entscheiden wird – und dennoch bestehen die Genderer darauf das Geschlecht zu einem immer präsenten Faktum zu machen.

Da wir aber immer Geschlecht mitdenken sollen, wird das Geschlecht so zu einem stets präsenten Kriterium. Ich stelle die Hypothese auf, dass dies also – wie man so schön sagt – nach Hinten losgehen wird.

Ebenfalls der Moral zugehörig aber Abseits vom „gendergerechten“ Thema. Ist es nicht moralisch verwerflich anderen Menschen die eigene Sprache im eigenen Land zu untersagen und ihnen eine andere bzw. veränderte aufzuzwingen? Ich denke schon. Und genau das passiert, wenn man Punktabzug in akademischen Arbeiten bekommt, wenn man nicht die „gendergerechte“ Sprache verwendet. Wenn in Hannover die „gendergerechte“ Sprache in der Verwaltung verpflichtend eingeführt wird. Die dortigen Angestellten sind jetzt dazu gezwungen zur Bevölkerung in einer anderen bzw. veränderten Sprache zu sprechen.
Und das alles obwohl die Mehrheit der Deutschen der“gendergerechten“ Sprache ablehnen gegenüber steht.

Das ist autoritäres Verhalten. Nichts weiter.