#NeinHeißtNein

Um ein kurzes TL;DR vorweg zu nehmen: Nein heißt Nein ist primitiv und viel zu eindimensional.

Wiedereinmal ist ein Hashtag auf Twitter getrendet und diesmal geht es um die Verschärfung des Sexualstrafrechtes. Ich muss gestehen, dass ich mich mit diesem Bereich noch kaum beschäftigt habe, aber ich möchte zwei wesentliche Dinge zu bedenken geben. (Und mit bedenken meine ich wirklich nur bedenken, nicht dass ich es anzweifele, dass etwas gemacht werden muss. Ich möchte hier weder für noch gegen den Gesetzesentwurf argumentieren, nur Denkanstöße geben.)

Übrigens eine Sache die mich wirklich ankotzt. Und ich meine so richtig, ist, dass hier immer nur von Frauen als Opfern geredet wird und Männern als Täter. Selbst wenn die überwältigende Mehrheit der Fälle so sein sollte, gibt es auch noch die umgekehrten Varianten (Frau=Täterin, Mann=Opfer) und „homosexuelle“ Varianten (Frau = Opfer, Frau=Täterin / Mann=Opfer, Mann=Täter) und diese MÜSSEN ebenfalls berücksichtigt werden.

1.: Im neuen Strafrecht soll „Begrabschen“ eine Straftat werden.

Meiner Schwester ist es vor etwa 10 Jahren passiert, dass ihr ein Mann im vorbeiradeln an die Brust gegriffen hat. Ein eindeutiger Fall von Begrabschen meiner Meinung nach. Als ich hörte, dass dies nicht einmal Strafbar sei, war ich äußerst überrascht – um nicht zu sagen geschockt. Wie kann so ein Griff in die Intimsphaere nicht verboten sein?

Keine zwei Monate später hatte ich eine mögliche Antwort. Ich befand mich auf dem Rock am Ring Festival. Ich quetschte mich durch die Menge um zu meinen Kumpels zu gelangen. Direkt hinter dem ersten Wellenbrecher in der Mitte. Flogging Molly war am spielen. Und wie es bei denen so ist, wird wild rumgehüpft.

Ich also, mit zarten 20 Jahren, idealistisch an das Gute im Menschen glaubend, quetsche mich also durch die Menge, die Hände und Arme möglichst eng an meinen Körper gepresst um so wenig Platz wie möglich einzunehmen (es war halt eng) und möglichst niemanden anzurempeln. Und das ist natürlich bei Flogging Molly nicht ganz einfach. So kam es wie es kommen musste. Ich wurde angerempelt, taumelte etwas nach vorne und… berührte eine -für mich damals – ältere weibliche Person von vielleicht 25 Jahren am Gesäß – zu mindest behauptete sie das. Ich kann das ehrlich gesagt nicht guten Gewissens bestätigen. Ich weiß es schlicht nicht. Möglich, dass ich sie am Gesäß berührte. Unter Garantie traf aber meine Schulter die ihre.
Weshalb ich mich auch sofort entschuldigte. Sowas kann ja erstens weh tun und zweitens ist das eine Sache der Höflichkeit. Doch die gute Dame war vollkommen unangemessen außer sich und ich benötigte ein paar Sekunden um zu realisieren, dass sie mir „Begrapschen“ vorwarf, also dass ich ihr absichtlich an den Po gefasst hätte. Das war ungefähr die selbe Zeit die auch ihre Begleiter brauchten um das zu bemerken. Und instant war ich von mehreren Leuten umgeben – auch Leuten die offensichtlich NICHT zu ihr gehörten – die mich beschimpften und mich anmaulten. Die Situation drohte in Gewalt zu eskalieren, bis jemand mir zur Seite stand und sagte, dass ich gestoßen worden sei und ich mich nur abfangen wollte. Hier kommt jetzt aber der Knackpunkt. Die Leute ließen von mir ab, entschuldigten sich aber nicht bei mir für ihr Verhalten, sondern gaben mir noch auf den Weg, dass ich bloß die Hände von Frauen lassen solle.

Ich konnte damals schon – und kann auch jetzt noch – nachvollziehen, dass diese Leute der Frau geglaubt haben. Immerhin in einigen Fällen eine Freundin/Bekannte von ihr. Und in den anderen Fällen: ‚Da waren soviele die das gesagt haben, dann muss es ja stimmen.‘ Ich würde das nicht viel anders machen. Tatsächlich ist mir beim Schreiben dieser Zeilen schrecklich bewusst geworden, dass ich mich in dieser Situation vermutlich sogar genau gleich verhalten hätte – und es vermutlich sogar noch tun würde, wenn ich mal in eine solche Situation komme. Trotz meiner Vorerfahrung, in der ich als Unschuldiger beinahe Opfer dieses … Mobs… geworden wäre. Naja, vielleicht wäre ich etwas moderater und würde versuchen Gewalt zu verhindern.
Es liegt in unserer Natur, dass wir den Leuten glauben, denen wir nahe stehen. Und es liegt in unserer Natur, dass wir die sexuelle Integrität von Frauen sehr hoch einschätzen.

Ein Einschub: Solltest Du einmal auf einem Festival oder Konzert in meinen Ellenbogen rennen, dann beschwere Dich nicht bei mir, sondern bei der Frau und ihren Begleitern. Denn ich halte jetzt immer meine Arme über meinen Kopf. Ich lasse mir lieber Körperverletzung vorwerfen als einen Eingriff in die Intimsphaere einer Frau.

Ob die gute Dame mir das absichtliche Begrabschen nun aus Böswilligkeit unterstellte oder weil sie tatsächlich den Eindruck hatte, dass ich das absichtlich gemacht hatte, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass es weder meine Intention war dies zu tun, noch dass ich es irgendwie „billigend in Kauf genommen“ habe, dass dies passieren kann.

Ich wäre hier einer Straftat beschuldigt worden, die ich schlicht nicht begangen habe. Was wäre passiert, wenn mir niemand zu Hilfe gekommen wäre?

Ich möchte hier nicht zum Ausdruck bringen, dass es diese oder jene Fälle gibt. Dafür haben wir ein Justizsystem. Das Problem ist das oben Beschriebene. In der Situaton hast Du als einzelner Mann keine Chance. Nicht einmal die Chance Dich angemessen zu verteidigen.
Vor einem Gericht oder vor der Polizei; Werden da die Freunde, die Zeugen des Vorfalles sind, ihrer Freundin in den Rücken fallen? Oder werden sie ihre Aussagen entsprechend formulieren, dass sie ihr nicht in den Rücken fallen?
Und wie beweise ich dann das Gegenteil?
Damit leite ich direkt über zur Möglichkeit des Beweisens. Wie soll solch ein Übergriff bewiesen werden? Versteht mich nicht falsch. Ich halte es durchaus für richtig, dass solche Übergriffe als Eingriff in die sexuelle Integrität und damit ein Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung sind und somit eine Bestrafung nach sich ziehen sollten (Zu mindest wenn es um Übergriffe auf primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale, also Penis/Scheide und weibliche Brust, geht). Es wird dennoch fast immer zu einem Aussage gegen Aussage kommen. Es wird ein riesen Wust an 1. Falschbeschuldigungen (wie zum Beispiel meinen oben geschilderten Fall) und 2. schlicht und ergreifend nicht nachweisbaren Vorfällen kommen, wo man weder Schuld noch Unschuld beweisen kann.

Diese Dinge werden einen Haufen Geld, Zeit und Personal kosten. Wie gesagt. Dies sind nur Dinge die wir bedenken müssen.

2. Im neuen Strafrecht soll ein „Nein“ ausreichen um den Straftatbestand einer Vergewaltigung zu erfüllen

Das finde ich einfach nur selten dämlich. Es gibt so etwas wie inkongruente Botschaften. Wo die verbale Botschaft (hier das „Nein“) nicht mit der nonverbalen Botschaft (zum Beispiel: Sie küsst ihn leidenschaftlich und leitet den Sexualakt ein) übereinstimmt. Natürlich würde sie bei dieser nonverbalen Kommunikationsform nicht unbedingt „Nein“ sagen, sondern eher „Wir sollten das nicht tun.“ oder „Das ist so falsch.“ oder sonst eine ähnliche Variante. Verbal drückt sie ihren Unwillen aus. Nonverbal ihren Willen. Hat er sie Vergewaltigt?
(Kann er sie überhaupt vergewaltigt haben? Denn hier ist sie die einzige Akteurin.)

Und selbst wenn wir annehmen, dass diese Fälle extrem selten sind, so ist allein die Existenz von inkongruenten Botschaften ein schlagkräftiges Argument dagegen, dass ein „Nein“ für sich alleine genommen ausreicht.

Ein weiteres Problem entsteht bei folgendem fiktiven Beispiel:
Ein Paar sitzt auf der Couch und schauen einen Film. Während des Filmes streicheln sie sich, sie Küssen sich, sie schmusen. Der Mann macht Anstalten, dass er mehr will. Sie sagt: „Nein, ich möchte das nicht.“ Er respektiert das, aber das einvernehmliche Küssen, Kuscheln und Streicheln geht weiter, während im Hintergrund der Film läuft. Eine Viertelstunde vergeht – es wird geschwiegen und gekuschelt. Eine halbe Stunde – es wird geschwiegen und gekuschelt. Eine Dreiviertelstunde. Er macht erneut Anstalten den Sexualakt einzuleiten. Sie macht bereitwillig mit. Hat er sie vergewaltigt? Immerhin ist ihr letzter Kommentar dazu gewesen, dass sie keinen Sex will.

Auch hier bleibt das Problem der Beweisbarkeit. Wie beweist das Opfer, dass es Nein gesagt hat. Wie beweist die beschuldigte Person, dass nicht Nein gesagt wurde?

Sollte dies so kommen, müssen wir damit rechnen, dass in Zukunft die Leute ihre Sexualakte aufzeichnen (nötigenfalls auch heimlich) oder Verträge eingehen in denen deutlich steht, was erlaubt ist, was nicht und das es in einem bestimmten Zeitraum keine Möglichkeit gibt sich daraus zurückzuziehen. Wollen wir das wirklich?

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “#NeinHeißtNein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s